Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Festtage
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 509 (sequence 6)
- Language
- German
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FESTTAGE 509 sogar anderes Geschirr. Wochenlanges Vorbereiten und Rüsten ging ihm voraus. Ach, das war ein Jubel, wenn alle Ecken und Winkel durchsucht und gereinigt, alle Taschen und Schiebladen um- und ausgekehrt wurden, ob sich nirgends ein hinterlistiges Krümchen gesäuertes Brot verborgen hätte, das mitten in der Festesfreude hervorlugen wollte: ,,Seht, hier bin ich; etsch, etsch, nun ist alles verdorben!" Denn was sonst das ganze Jahr hindurch das liebe Brot, die Gottesgabe hieß, das war nun das Ghomez, das Gesäuerte, das Verpönte, Verfemte, etwas Entsetzliches, vor dem der fromme Blick zurückschauderte. So kann auch das Beste, wenn es nicht zur rechten Stunde kommt, ein Unheil bedeuten. Wir Kinder waren mit dieser Achterklärung des Brotes mitleidlos, ja freudig einverstanden. Uns mundete das schale Gebäck aus Mehl und Wasser, der dünne, trockene Osterfladen, besser als der feinste Kuchen, und wenn ich an einem recht großen Stück knuppernd vor der Türe stand, dann blickte ich hochmütig stolz auf die Nachbarskinder herab, die nichts Besseres als ihr Butterbrot zu essen hatten und neidisch auf mich hinsahen. Ein Kind ist schon glücklich, wenn es nur etwas anderes hat, und ich bin überzeugt, im Mittelalter waren die jüdischen Kinder stolz auf den gelben Lappen, den sie an ihrer Kleidung tragen mußten. Worauf wir uns aber vor allem freuten, das war der Vorabend des Festes, der Sederabend. Da saßen wir alle um den festlich gedeckten Tisch, auf dessen weißem Linnen die Sederschüssel mit ihren seltsamen Gaben prangte: mit Knochen und Ei, mit Petersilie und Meerrettich und Salzwasser und mit den geheimnisvoll versteckten Mazzoth. Jedes Ding hatte seine Bedeutung und stand in Beziehung zu dem Auszug aus Ägypten; aber daneben führte es noch für mich ein ganz eigenes Leben, wovon nichts in der alten Schrift stand. Wußte ich doch, wie das Huhn aussah, das uns das Ei gelegt hatte, wo Petersilie und Meerrettich gewachsen waren, und hatte ich doch mit dem Lämmchen gespielt, dessen Knochen auf der Schüssel lagen. Ich durfte nicht lange träumen; schon hob der Vater die Schüssel hoch und begann in singender Weise aus der Hagadah, dem Festbuch dieses Abends, vorzulesen: ,,Seht das armselige Brot, das unsere Väter im Lande Ägypten gegessen haben. Wen es hungert, der komm' und esse mit, wer bedürftig ist, der komm' und feiere mit; dieses Jahr hier, künftiges Jahr im Lande Israel, dieses Jahr Knechte, künftiges Jahr Kinder der Freiheit!" — Kinder der Freiheit! Ach, wie oft waren Wahn und Haß in solch einer Nacht in das stille Haus ge-