Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Festtage
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 508 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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508 MENORAH so ließ ich kurzerhand die Esther, den König und alle anderen Nebenpersonen einfach fort, und Mordechai und Haman tragierten das ganze Drama allein. Ohne eine Ahnung von der klassischen französischen Tragödie zu haben, machte ich es doch genau wie sie und verwandelte die meisten und packendsten Handlungen in Erzählung, selbstverständlich, des höheren Schwunges wegen in gereimte. So gab es zumeist Monologe. Aber an der Stelle, wo der hochmütige Haman dem frommen Mordechai befiehlt, vor ihm niederzuknien, setzte ein packender Dialog ein. Natürlich spielte ich selber den Haman. Unsere Bühne war ein kleines Schlafzimmer, unser Vorhang die Kammertür, die in die Wohnstube führte, in der das Publikum saß: Eltern und Geschwister und sonstige Verwandte und Freunde. Wenn ich nicht auf der Szene zu tun hatte, stand ich hinter der Kammertür und soufflierte meinem Kollegen, der, wie alle großen Schauspieler, miserabel gelernt hatte. Am Schluß des aufregenden Dramas, als Mordechai den Befehl des Königs, daß Haman gehängt werden sollte, mir überbracht hatte, warf ich mich mit großartiger Geste auf das im Hintergrunde stehende hochaufgeschichtete Bett und erlitt mit ausgebreiteten Armen und mit unsagbar bezwingender Würde den Tod am Galgen. Dem jubelnden Beifall folgte noch ein klingender Lohn durch eine Pfennigsammlung, in welcher der zum Minister avancierte Mordechai nach dörflichem Vorbild einen Rundgang mit seiner als Teller hingehaltenen Mütze machte. Ich hielt mich noch inzwischen im Dunkel der Kammer verborgen. Aber um mich und in mir war es hell. So groß bin ich mir nie wieder vorgekommen, und so vieles hab' ich nie wieder geleistet. Hütt' ich Shakespeare und Kleist gekannt, gewiß hätt' ich ausgerufen, was ich innerlich fühlte: O Shakespeare divus, die Leiter setz' ich an, an deinen Stern! — Sie waren alle schön, die Festtage und die Halbfesttage, lauter Familienfeste, dem Kinde die leuchtenden Meilenweiser des langen Jahres, mit heißer Sehnsucht erwartet, mit banger Wehmut verabschiedet; sie waren alle schön, sogar die Fasttage hatten ihre geheimen Freuden, am schönsten von allen aber war das Pessach — das Osterfest. Es war das Fest unter den Festen. Was den anderen den geheimnisvollen, lockenden Reiz verlieh, daß sie anders waren als die Werk- und Sabbattage, daß sie etwas Neues brachten, das besaß dieses Fest in zwiefachem Maße: es unterschied sich nicht nur scharf von den Wochentagen, sondern auch von allen übrigen Festtagen. Andere Sitten und Gebräuche brachte es mit, andere Speisen und