Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Article
- Festtage
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 507 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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FESTTAGE 507 mir tief in die Seele. Wegen seines Glaubens leiden und sterben müssen wie der jüngste Knabe, o, das muß eine Seligkeit sein! Und tagelang träumte ich mich in sie hinein, und ich stand selber vor dem stolzen König, und mit frommem Opfermut und wollüstigen Todesgrauen erklärte ich ihm, er solle mich nur martern lassen, ich sei nicht bange vor ihm. Der liebe Gott sei mir lieber als sein ganzes Königreich. Was eigentlich ein Königreich sei, davon hatte ich keine Ahnung; aber es mußte etwas ganz Schönes und Großes sein, schöner noch als die goldglänzende Apfelsine, die wochenlang hinter den Scheiben des verschlossenen Glasschrankes verlockend auf uns herniedersah und deren Schale so wundervoll duftete, und größer noch als der Kirchturm, zu dessen Spitze ich kaum hinaufsehen konnte. „Und wenn es mein halbes Königreich wäre, es soll dir gewährt werden/4 so hieß es in der neuen Geschichte, die wir bald nach dem Tempelfest zur Vorbereitung auf Purim hörten. Ach, war das eine köstliche Geschichte: die schönste Esther, der fromme Mordechai und der übermütige böse Haman, und wie jener belohnt und dieser bestraft wurde. „So tue alles, was du gesagt hast, dem Juden Mordechai!'4 Und hinter dem Zuge trippelten wir her durch die Straßen der Stadt Schuschan, die genau so aussahen wie unsere Dorfstraßen, und wir schrieen und lachten und freuten uns, wie Kinder sich freuen, wenn die Belohnung der Guten und die Bestrafung der Bösen prompt erfolgt. Und wie mußte sich diese Freude noch steigern, wenn sie, was alljährlich wiederkehrte, abends durch Schokolade mit Butterkuchen und mittags durch Rübenschnitzel mit Pflaumen unterstützt wurde. Freilich, auf solch menschlich reine Höhe, wie sie die feuchtfröhliche Frömmigkeit der Rabbinen verlangt: ,,Ihr sollt nicht mehr unterscheiden können zwischen dem Segnen Mordechais und dem Verfluchen Hamans," kam sie auch bei den Erwachsenen nicht. Selbst Schmuel Musikant sprach an diesem Tage ein ziemlich gutes Hochdeutsch, sei es, daß er zu viel vertragen konnte, sei es, daß er das alte Sprichwort wahr haben wollte: „Das ganze Jahr schicker und Purim nüchtern." Die Geschichte von Mordechai und der schönen Esther ergriff mich so, daß ich eines Tages, allerdings ein paar Jahre später, beschloß, ein Drama daraus zu machen und es aufzuführen. Das heißt, umgekehrt war es gekommen, wie es schon im Sabbatliede ausgedrückt wird: das Ende der Tat ist der Anfang des Gedankens. Wir, mein Vetter und ich, wollten etwas aufführen, und darum dichtete ich. Und da wir die beiden einzigen Schauspieler waren, die mittun wollten,