Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-09-01 · Heft 9 (September 1926) · p. Seite 506

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 9 (September 1926)
Article
Festtage
Date
1926-09-01
Page
Seite 506 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912862-2918158--03702-2918257
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

506 MENORAH söhnet euch mit euren Nebenmenschen, erst dann könnt ihr Versöhnung von Gott verlangen. Zwischen den Ständern, den einzelnen Betpulten, spähten wir Kinder neugierig nach den Zuschauern hin, ob nicht vielleicht Nachbars Kasper oder Wilhelm da wären und sähen, wie wir da ganz vorn bei dem Vorbeter standen. Mit besonderem Stoz blickten wir auch auf den Peter Henrik, den Polizeidiener, der die rotgeränderte Dienstmütze auf dem Kopfe, den Säbel an der Seite, mitten vor den Zuschauern stand und voll Würde und Selbstgefühl da hinten Ordnung und Ruhe hielt. Heute war er sozusagen zu unserer Ehre da, und wir durften ihn ganz frei ansehen, und er durfte uns gar nichts tun. Die Mutter harrte immer bis zum letzten Augenblicke des folgenden langen Tages im Gotteshause aus, und wenn sie dann nach Hause kam in ihrem weißen Kleide und in der weißen Haube, dann glühte ihr Gesicht vor innerem Glück, und ihre Augen leuchteten in einer stillen, reinen Freude, so daß es ganz selbstverständlich klang, wenn sie sagte: ,,Der Jörn Kippur ist mein schönster Jontef."' Und dann kamen die lustigen, fröhlichen Tage des Sukkoth, des Laubhüttenfestes. Aber ach, vor dem nächsten Frühjahr gab es keinen Feiertag mehr. Der lange, lange Winter brachte nur noch zwei Halbfeste. Zuerst das Tempelweihefest, an dem uns einzig die reichlicheren Gaben von Nüssen und Äpfeln und die kleinen Wachskerzen erfreuten, deren wir Abend um Abend eins mehr anzündeten, und zu denen wir uns häufig das Wachs, das von den großen Kerzen in der Synagoge herunter geträufelt war, gestohlen hatten. Sie brannten darum nicht weniger hell, und wenn wir sie auf den Boden stellten und über sie hinwegsprangen, war der Jubel auch darum nicht geringer. Das eine Kerzchen tat mir immer leid, der Schammes, der Diener, mit dem wir die anderen anzündeten, und das dafür stets allein stehen mußte. Ascher sagte: „Das sind wir, wir haben den anderen Völkern das Licht gebracht und müssen jetzt abgesondert stehen." Aber das verstand ich ebensowenig, als wenn er in unserer besten Stube auf eines der fünf bunten Frauenbilder zeigte und mit bedeutungsvoller Stimme erklärte: „Das ist Europa, das sind wir." Mich dauerte es nur, daß das arme Kerzchen so abgesondert in der Ecke stehen mußte. Um diese Zeit hörte ich zum erstenmal ausführlich die Geschichte der Makkabäer, die der Lehrer den älteren Kindern erzählte. Die Kämpfe Judas mit den Syrern gewannen mir nur geringe Teilnahme ab; aber die Erzählung von der Mutter mit den sieben Söhnen drang

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.