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Menorah · 1926-09-01 · Heft 9 (September 1926) · p. Seite 505

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 9 (September 1926)
Article
Festtage
Date
1926-09-01
Page
Seite 505 (sequence 2)
Language
German
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FESTTAGE 505 wie ein Missetäter, und als Ascher den Brief vorliest, gleite ich leise vom Stuhl unter den Tisch hinunter. Den ganzen Abend fühle ich mich wie in einer Zwangsjacke; nicht plaudern, nicht lachen, nicht springen, sonst könntest du etwas tun, was gegen die Gelöbnisse des Briefes verstößt. „Ich will mich immer bestreben, recht artig und folgsam zu sein." Ach, die Eltern begreifen gar nicht, wie entsetzlich schwer es einem Kinde wird, immer artig und folgsam zu sein. Glücklicherweise war am anderen Morgen Brief und Versprechen vergessen. Nach dem ernsten Neujahrsfest folgt das noch ernstere Versöhnungsfest. Da dauert der Gottesdienst von morgens früh bis zur dunklen Nacht, bis die Sterne am Himmel glänzen. Kein Wunder, daß die christlichen Dorfbewohner den Tag den ,langen* nannten, nicht nur wegen des vielen Betens, sondern auch wegen des langen vierundzwanzigstündigen Fastens, dem alle Erwachsenen unterworfen sind. Auch die größern Kinder müssen fasten, und die jüngeren doch mindestens bis zum Mittag. Unser guter dicker Nachbar, der Jamburensmeier bedauerte mich immer: „so'n Jungsken!" Ich war aber nicht wenig stolz darauf, mitfasten zu dürfen, und dann, das wußte der Jamburensmeier gewiß nicht, vor dem Feste gab es eine große, große Mahlzeit, bei der es nicht nur ein Recht, sondern sogar eine Pflicht war, so viel wie nur eben möglich zu essen. Der Versöhnungsabend brachte uns eine große Genugtuung. Während des ganzen Jahres waren wir es, die bei Kirchengängen, Prozessionen und großen Beerdigungen die Zuschauer bildeten, und — wenn auch nur heimlich und verstohlen und gegen der Mutter Gebot — den Prunk und den Pomp der Heiligenbilder, der Meßgewänder und Fahnen bewunderten. Obgleich wir stolz darauf waren, daß wir an ,so was4 nicht glaubten, sahen wir es doch gern und ergötzten uns an der reichen Farbenpracht. Am Versöhnungsabend aber kamen die Christen zu uns. Da standen sie im Hinterraume der Synagoge bis auf den Vorplatz, dichtgedrängt: die Männer, die ausgegangene Pfeife und die Kappe in der Hand, die Frauen, die kleinen Kinder auf dem Arm. Und sie sahen in den hellen Kerzenglanz hinein und blickten neugierig auf die Leute, die in Sterbegewand und Gebetmantel gehüllt, so ganz andere Wesen zu sein schienen, als die, weiche ihnen täglich auf der Straße begegneten. Und sie standen und lauschten der wehmütigen, tief ergreif enden Weise des Kol Nidre-Gebetes und hörten der Predigt zu, die merkwürdigerweise gar nichts enthielt, was nicht der Herr Pastor auch hätte sagen können: Tut Buße, reinigt euer Herz, ver-

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