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Menorah · 1926-09-01 · Heft 9 (September 1926) · p. Seite 504

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 9 (September 1926)
Article
Festtage
Date
1926-09-01
Page
Seite 504 (sequence 1)
Language
German
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FES TTAG E Von Jakob Loewenberg So getreu ich mich der Einzelheiten des ersten Schultages erinnere, so wenig weiß ich von der folgenden Schulzeit. Nur die Wellen, die über das Ufer strömen, lassen sichtbare Spuren zurück. Zuweilen jedoch, wenn die Wasser des Tages ablaufen, sehe ich auf dem Ebbegrund alte Zeichen und seltsame Bilder. Gerate ich über meine alte Lesefibel, so kommen plötzlich Gedanken und Vorstellungen aus jenen Tagen zurück. Da weiß ich ganz genau, hier hast du dieses und dort jenes gedacht. Bilder gab es leider in unserer Fibel nicht; aber die einzelnen Wörter verwandelten sich in Bilder und führten ein selbständiges Leben, das gar nichts mit dem zu tun hatte, was sie eigentlich bedeuteten. Ein langes schweres Wort war ein Wagen, der nicht von der Stelle konnte, und das kleine ,und6 davor war der Fuhrmann, der es antrieb. Und dann wieder war ein Wort neidisch auf ein anderes, weil ich es nicht so gut gelesen hatte wie seinen Nachbarn, und ich ging wieder zu ihm zurück und las es viele Male, bis es mir ein ganz freundliches vergnügtes Gesicht machte. Bis die Herbstfeiertage herankamen, konnte ich schon lesen und schreiben. Am Rauschhaschonoabend, so um Michaelis herum, lag ein sauber nachgemaltes Briefchen unter dem Teller des Vaters. Darin standen allerhand groß tönige Versprechungen und Danksagungen, und ein Gefühl von Stolz und Scham zugleich beschiich mich, wenn ich an mein Briefchen dachte. Ob's der Vater wohl findet? Da kommt er mit seinem schweren Tritt aus der ,Schul'; sein ernstes Gesicht ist noch ernster als gewöhnlich, und die Falten noch tiefer als sonst. Er schreitet auf die Mutter zu und küßt sie. Ich wende mich um, halb kichernd, halb erschrocken; ich schäme mich, und es ist mir recht unbehaglich zumute. Es ist das einzige Mal im ganzen Jahre, daß wir Kinder sehen, daß die Eltern sich küssen. Kaum wage ich mich an sie heran, um mich von ihnen benschen zu lassen. Der Vater legt mir die Hände aufs Haupt und murmelt denselben alten Segensspruch, mit dem einst Jakob seine Enkelkinder gesegnet, und die Mutter segnet mich auch; aber sie drückt mich noch hinterher in ihren Arm und küßt mich und nennt mich leise ihren Goldjungen. Der Segen über Brot und Wein wird gesprochen, und noch immer sieht der Vater meinen Brief nicht. Da verrückt die Mutter den Teller ein wenig, endlich! „Was ist denn das?" Ich lasse den Kopf hängen

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