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Menorah · 1926-08-01 · Heft 8 (August 1926) · p. Seite 480

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 8 (August 1926)
Article
Unsere Mutter
Date
1926-08-01
Page
Seite 480 (sequence 2)
Language
German
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480 MENORAH der Familie, hat sie mehr geleistet als manche aufopferungsvolle Mutter. Wo es eine Entbindung, einen Krankheits-, Unglücks- oder gar Todesfall gab — sie war sofort zur Stelle, tröstend, helfend, ratend, unermüdlich bei Tag und bei Nacht. In unserer Familie sind nur in den allerseltensten Fällen Krankenpflegerinnen verwendet worden; immer war eine Schwester bereit, der andern beizustehen, vor allem aber Rosa, die ja als Witwe auch am ehesten fortkonnte — in einem solchen Falle übernahm immer jemand von uns ihre beiden Kinder. Sie kann ruhig von sich sagen, daß auch nicht ein einziges Mal die Sonne unterging, ohne daß sie etwas Gutes vollbracht hatte. Trotz ihres harten Geschicks nicht verbittert, hat sie für alle Mühseligen und Beladenen ein offenes Ohr, ein offenes Herz, eine offene Hand. Mein Mann schrieb ihr einmal: „Zur menschlichen Vollkommenheit fehlt Dir nichts als ein Quentchen Ich.'* Sie hat eine ungeheure Arbeitskraft, einen unermüdlichen Fleiß. Immer von einer stillen Heiterkeit umflossen, macht sie köstliche Witze, ohne mit der Wimper zu zucken und schreibt die wundervollsten humoristischen Briefe von der Welt. Mein Mann sagte immer, seit den Briefen der Madame de Sevigne habe er keine so schönen Briefe gelesen wie die von Rosa, und unzählige Male ermunterte er sie, zu schreiben, einen Verleger finde sie spielend. Aber dazu war sie entweder zu bescheiden, oder es fehlte ihr die Initiative, oder sie hatte einfach immer Wichtigeres zu tun. Wir beide, Rosa und ich, hatten die Schule miteinander besucht — sie trat infolge ihrer zarten Gesundheit erst im siebenten, ich schon mit fünf Jahren in die Schule ein. Wir waren die besten Freundinnen von der Welt, und wenn auch wir zuweilen stritten, so konnten wir doch nicht lange miteinander böse sein und haben treu zusammengehalten unser ganzes Leben lang. Man machte uns den Vorwurf, die andere sei die , .Lieblingsschwester" — ich liebe alle meine Geschwister, bin im Herzen sicher allen gleich gut. Aber selbstverständlich war das Verhältnis zwischen uns beiden ein innigeres, zunächst wohl von äußeren Umständen herbeigeführt. Wir besuchten ein und dieselbe Klasse, gingen später in die gleiche Handarbeitsschule, in denselben Tanzkurs, spielten dreimal wöchentlich bei unserer Klavierlehrerin vierhändig, mußten infolgedessen auch zusammen üben. Als Rosa sich im Jahre 1880 verlobte, war auch ich schon insgeheim verlobt (mit einem Gymnasiasten!), und das gab natürlich wieder Anlaß zu vertraulicher Aussprache — Flenriette war damals noch ein halbes Kind. Rosa hatte die köstlichsten Einfälle, so daß schon in der Schule sich alles um ihren Verkehr riß. Wo sie hinkam, herrschte Fröhlichkeit, gehobene Stimmung. Sie besaß eine gewisse gutmütige Findigkeit, die verblüffend war. Zum Beispiel: Nach einem Leseabend bei uns machten mein Mann und ein Freund uns beiden noch eine Fensterpromenade. Wir hatten zuerst keine Ahnung davon, aber als Rosa die Rouleaux herabließ — unser Haus bestand nur aus einem Hochparterre — sah sie die beiden Jünglinge gegenüber auf und ab gehen und Blicke nach unseren Fenstern herüberwerfen. Mit einem Aufschrei fuhr sie zurück: sie hatte bereits ihr Nachthemd an. Als die beiden jungen Herren an einem der nächsten Tage wiederkamen, faßte sie sie im Hausflur ab und sagte ihnen: „Ich bitte Sie, sagen Sie nur Anna ja nichts, daß Sie sie neulich abends gesehen haben, sie war schon im Neglige und wäre außer sich." Sie als Älteste verteilte in den Ferien, wo es reichlich Obst gab, um zehn Uhr oder auch zum Nachmittagskaffee das Obst. Wenn ich an die köstlichen Stachelbeeren der Frau Matzner denke, so läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Was tat nun Roserle? Sie sonderte zuerst draußen in der Küche ein Häuferl für sich ab, dann teilte sie drinnen. Zu ihrer Ehre sei's gesagt, daß sie die unrecht erworbenen Stachelbeeren nicht alle selber aufaß, aber sie spielte dann mit unseren Stachelbeeren die Großmütige, indem sie uns noch welche ,,schenkte". Wir hatten im Vorhaus ein eingebautes Schränkchen, das Mutter auf unsere Bitte Rosa und mir als sogenanntes Geheimschränkchen überließ. Dort verwahrten wir vor allem unsere Tagebücher. Selbstverständlich hatten wir uns gegenseitig gelobt, im Fach der anderen nichts anzurühren, nichts zu lesen. Ich hielt gewissenhaft mein Wort, Roserle aber las in aller Gemütsruhe mein

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