Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 8 (August 1926)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 479 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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zaj je: ju Unsere Mutter Von A. K. (12. Fortsetzung.) Gleich nach dem Frühstück suche ich den Wald auf. Klopfenden Herzens. Allein. Die herrliche Birkenallee glänzt und schimmert mir weiß und goldgrün entgegen, sie ist unverändert geblieben. Die Ambrozyallee, die sich gleich daran schließt, in die niemals ein Sonnenstrahl seinen Weg fand, mutet mich etwas fremd an: sie ist stark gelichtet. Ich atme tief auf. Nun zum geliebten Erzbrünnel. Wie in einen hehren Säulentempel tritt man in den dunkeln» kühlen, ansteigenden Wald. Schlanke, gerade, ragende Tannen, soweit das Auge reicht. Genau wie vor dreißig Jahren. Nur ist die Quelle jetzt gefaßt und trägt ein zierliches Holzdach. Ah, und da ist sie auch noch, die heilige Tanne, die unsere Namen trägt und das Amen darunter! Dem Himmel sei Dank. Es wird mir so leicht und froh ums Herz. Solange die Tanne steht, so lange steht unser Glück — das ist der einzige Aberglaube, den ich mir gestatte. So ging ein schöner Sommertag nach dem andern hin, wir nützten das herrliche Wetter aus und machten Ausflüge in die polnischen Berge, dann wieder zu Wagen in die flache, aber unendlich liebliche Gegend von Alzen, ins Bistraytal und ins Vordergebirgstal, das die Kinder das „Wunderland" getauft hatten, weil es dort wundervolle Schmetterlinge und Blumen gibt, z. B. die Waldviole, deren längliche silberweiße Schoten ein vielbegehrter Schmuck für jede Blumenvase sind. Dazwischen die schönen, gemütlichen Tage mit Mutter, die traulichen Plauderstündchen bei trübem Wetter. Mutter war unendlich glücklich und sagte uns immer wieder und wieder, es sei einer der schönsten Sommer der letzten Jahre. Ursprünglich war ein Aufenthalt von vierzehn Tagen geplant, es wurden aber acht Wochen daraus. Der Gedanke an die Abreise war uns schmerzlicher als je, obwohl wir nicht ahnten, daß es die letzten Ferien waren, die wir mit Mutter verbringen solhen. Mutters Gastfreundschaft war grenzenlos. Selbst zu Zeiten, da es im Hause noch knapp herging, kam es nie vor, daß Besuche, die um die Essenszeit kamen, fortgelassen wurden, ohne an der Mahlzeit teilgenommen zu haben; es war Mutters größte Freude, zu bewirten. Auch auf dem Lande halten wir immer Gäste. Als bezeichnend für den Geist, der in unserm Hause herrschte, und für die Grundsätze, nach denen unsere Eltern ihre Kinder erzogen, will ich nur die Tatsache anführen, daß von meinen fünf Brüdern kein einziger nach einer Mitgift fragte, als er in den Ehestand trat; vier von ihnen haben auch mittellose Mädchen geheiratet. 11. Kapitel MUTTERS ÄLTESTE Sie glich meiner Mutter vielleicht am meisten, obwohl sie nicht hübsch war. Aber sie hat etwas ungemein Anziehendes und Liebenswürdiges, ist witzig und schlagfertig und vor allem herzensgut. Ich kenne keinen besseren Menschen auf der Welt. Wer mit ihr in Berührung kommt, dem muß sich auch sofort die Überzeugung aufdrängen, daß er es mit einem erlesenen Menschen zu tun hat. Was sie ihrer Familie gewesen und noch ist, das hätte für zehn Familien ausgereicht. Ihre Freundinnen schwärmen von ihr, und da sie alle keine jugendlich begeisterten Frauen mehr sind, ist ihr Urteil wohl von Gewicht. Alle Kinder lieben Rosa, alle Dienstboten vergöttern sie, alle Armen segnen sie. Uns,