Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 8 (August 1926)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 481 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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UNSERE MUTTER 4SI Tagebuch und — zu meiner und meines Mannes Schande sei's gestanden — unsere geheime Korrespondenz. Sie tat noch mehr: um eine Zeit, da mein Mann gedrückt und von Zweifeln heimgesucht war, zeigte sie ihm in meiner Abwesenheit einige Stellen in meinem Tagebuch, die ihn wieder beruhigten und mit Dankbarkeit gegen die Verräterin erfüllten. Als ich von ihrer Treulosigkeit Kenntnis erhielt, war ich eisig gegen L. und stockböse auf Rosa. Wie ich ihr dann einmal eine Botschaft von Mutter ausrichten mußte, die keine Feindschaften duldete, befahl sie mir, sie künftig per „Sie*4 anzusprechen. Darauf natürlich homerisches Gelächter, und alles war wieder gut. Wer hätte diesem Engel auch lange böse sein können? Trolzdem Rosa weder schön war, noch eine große Mitgift besaß, sondern einer kinderreichen Familie angehörte, hatte sie, bevor sie sich verlobte, zwei Heiratsanträge, die natürlich nur ihrer Person galten. Beides durchaus annehmbare Partien. Sie lebten zuerst in D., dann übersiedelten sie nach Leipzig, wo mein Schwager als Prokurist in Onkels Geschäft eintrat. Mit Rosas Verheiratung begann ein neuer Wirkungskreis meiner Mutter, vor allem eine umfangreiche Korrespondenz. Ich lasse einige Briefe Mutters an ihre Älteste folgen. Mein liebes Roserle! Ich hätte Dir so viel zu sagen, doch es läßt sich nicht alles schreiben. Aber ich muß mich doch ein wenig aussprechen mit meinem lieben Roserle. Daß Deine lieben Briefe uns entzücken, brauche ich Dir nicht zu sagen, aber nichts kann vollkommen sein auf Erden: ich bin außer mir, daß Du die Sachen noch nicht hast. Weiß Gott, wann Du sie bekommen wirst, Du Ärmste! Wie hilfst Du Dir nur? Ich möchte am liebsten hinfliegen, um Dir ein bißchen an die Hand zu gehen. Hast Du schon ein Dienstmädchen? Schreibe nur über alles ausführlich, auch was Du von Einrichtung hast und was Ihr noch zu kaufen beabsichtigt. Vielleicht kann ich Dir raten. Nun bitte ich Dich, liebes Kind, soviel als möglich zu sparen. Bei der Einrichtung ist es zwar weniger geboten, weil die ein für allemal gekauft wird. Aber in Berlin hast Du z. B. im Hotel zwei Zimmer bewohnt, und man heiratet ja nur, um mit dem Manne in e i n e m Zimmer beisammen zu sein. Das zweite hättest Du also ersparen können. . . . Wärest Du jetzt zu Hause, so müßte ich hören: ,,Schäm' dich, Mutterle!" Also ist es doch gut, daß Du schon fort bist. Vielleicht bekäme ich auch zu hören, daß ich Dir jetzt nichts mehr zu befehlen habe? Ich glaube aber, daß auch Dein lieber Mann nichts gegen e i n Zimmer einzuwenden gehabt hätte. Ich sage zwar jedem, der mich bedauert, daß mir gar nicht bange ist um Dich, aber Dir, liebes Kind, will ich im Vertrauen gestehen: mir ist schrecklich bange! Was gäbe ich, wenn ich Dich sehen könnte! Weißt Du, das Wasser läuft mir im Mund zusammen, wenn ich mir denke, ich könnte in D. an Deinem Fenster stehen und Dir unbemerkt zusehen, wie Du für Deinen Mann das Mittagessen zubereitest! Der Glückliche! Deiner liebenswürdigen Hausfrau unbekannterweise meinen herzlichsten Gruß! Gibt es doch überall gute Menschen! Wie freue ich mich darüber! Ich erwarte mit Sehnsucht einen ausführlichen Brief, wie Du alles in D. gefunden hast. Ich bin schon ganz aufgeregt vom Schreiben und muß schließen. Es grüßt Euch beide von Herzen Deine treue Mutter Klara. (Fortsetzung folgt.) NICHT NUR MODERNE SEIDENMARO CAINS, DOPPELT BREIT PER METER SCHILLING 390, SONDERN AUCH BESONDERS GUTE CREPE DE CHINE, ALLE MODEFARBEN PER METER SCHILLING 8*90, VERKAUFT JETZT KANN & FRIED, WIEN, VI., LINKE WIEN¬ ZEILE 40, IM HOFE.