Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 8 (August 1926)
- Article
- Simon Dubnow: Weltgeschichte [...] [Rezension]
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 476 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912861-2918002--03625-2918112- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
476 MENORAH gebrauchen — die Philosophie von Dubnows Geschichte. Wo ihre soziale Gemeinschaft, zuerst der Slaat und später die Gemeinde, die soziale Einheit, bedroht ist, dort tritt die Judenschaft in den Kampf und wehrt sich gegen die Auflösung derselben. Der Kampf der Hasmonäer ist nicht bloß ein Kampf gegen das Heidentum, die Sadduzäer und Pharisäer befehden sich nicht allein wegen ihrer Meinungsverschiedenheiten in Dingen der Religion. Es sind vornehmlich stark ausgeprägte politische Kämpfe, die der Erhaltung des nationalen Gemeinwesens und der nationalen Eigenart gellen. Sadduzäer und Pharisäer hören auf, bloße Scklen zu sein. Rabbi Jochanan ben Sakkai gründet in Jabne nicht bloß ein „Lchrliaus", sondern „in dem Reiche des Todes und der Zerstörung schafft er eine Stätte für die künftige Wiedergeburt" des nationalen Judentums. Die Wanderungen der Juden von Ost nach West, dann zurück von West nach Ost usw. vollziehen sich unter demselben Gesichtswinkel. Die Juden verlassen immer wieder jene Gebiete, wo ihre national soziale Gemeinschaft bedroht ist oder zerstört wird, und gravitieren dorthin, wo Aussicht auf Neubildung einer Gemeinschaft vorhanden ist. Das gilt von den jüdischautonomen Gemeinden in Babylon und in der Türkei, in Spanien und in Polen, in Deutschland und anderswo. Die Auffassung Dubnows von der jüdischen Geschichte ist eine evolutionistischrealistische. Dies drückt Dubnow mit den Worten aus: „Der Judaismus formt sich nach dem Ebenbilde der sozialen Existenzbedingungen der Nation, nicht aber umgekehrt." (Band 1, XVII.) Ist es richtig, in der jüdischen Geschichte, die besonders in ihrem ältesten Teile eine „heilige Geschichte" darstellt, die soziologische Auffassung walten zu lassen? Es fällt schwer, auf eine solche Frage eine kategorische Antwort zu geben. Denn es gibt wohl kaum eine ausreichende Handhabe für einen allgemein giltigen Bescheid in dieser Frage. Keine Geschichts a u f f a s s u n g ist völlig frei von Subjektivismus. Dieser setzt in dem Augenblick ein, da der Historiker darangeht, die geschichtlichen Tatsachen in einen pr agm a t i s c h e n Zusa m m enhang zu bringen. Wie sich letzterer auf der Netzhaut seines geistigen Auges darstellt, das ist seine Auffassung. An diesem Umstand ändert auch nichts die Tatsache, daß die soziologische Auffassung wissenschaftlich begründet und ausgebildet ist. Eines scheint sicher zu sein, daß die soziologische Auffassung, ohne Anspruch auf Allgemeingiltigkeit zu erheben, dennoch die Voraussetzung für eine „objektive Methode" bei der Darstellung der jüdischen Geschichte bietet. Schließlich weist Dubnow noch darauf hin, daß er im Geschichts i n h a 1 t e das religiöse Moment selbstverständlich uneingeschränkt gellen läßt. Wer vermöchte übrigens dieses aus der jüdischen Geschichte auszuschalten? Dubnow hat historische Quellen nicht erst suchen müssen. Er hat den StolT bereits gesammelt und „mehr oder weniger bearbeitet*' vorgefunden. Es handelte sich nur darum, eine Syslematisierung und Periodisierung des Stoffes durchzuführen und die „allgemeinen Ziele und Wege des geschichtlichen Lebens im Wandel der Zeit klarzulegen und den organischen Zusammenhang aufzudecken". Der Verfasser verfuhr hiebei nach der s y nth etischen Methode, ohne jedoch auf eine Prüfung der Quellen und der Tatsachen, das heißt auf die Analyse der Quellen, ganz zu verzichten. Besondere Hervorhebung verdient die Tatsache, daß Dubnow die Ausgrabungen auch der letzten Zeil, die für die Geschichte des alten Orients in Betracht kommen, in seinem Werke bereits verwertet hat. Die jedem Bande angeschlossene B i b 1 i o g r a p h i e, die die Quellen- und Literaturnachweise enthält, zeigt, daß der Verfasser kaum eine wichtige Quelle oder eine frühere Darstellung übersehen hat. Ferner finden wir im Anhange zu einem jeden Bande wertvolle Ergänzungen und Exkurse (Noten), wie: Über die Untersuchungsmethoden in der ältesten Geschichte Israels, über Quellenkunde und Methodologie,