Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 8 (August 1926)
- Article
- Gespräche über Kunst, Judentum und Judenstaat
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 468 (sequence 2)
- Language
- German
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468 MENORAH vom Inhalt. Wenn ich zum Beispiel für den Expressionismus etwas empfinden könnte — warum sollte ich dann nicht für den gleichen Preis ein Bild eines repräsentativen deutschen oder russischen Expressionisten kaufen, statt das eines palästinensischen Nachahmers?" Der Maler: „Eben weil wir Palästinenser sind, weil wir in Palästina leben und arbeiten, weil wir Palästina malen und die Russen Rußland, die französischen Expressionisten Frankreich." Ich: ,,Tozeret Haarez in der Kunst hat einen schlechten Beigeschmack. Aber immerhin: ich gebe Ihnen zu, daß Sie recht haben. Wenn Sie Palästina malen, dann wiegt Ihr Werk durch seinen Inhalt vielleicht selbst für die Kenner, bestimmt aber für die Masse einen etwaigen Minderwert der rein künstlerischen Qualität auf. Es ist dann interessant, wenn auch noch nicht wertvoll. Aber — wer in Palästina, von ein zwei Ausnahmen abgesehen, malt denn Palästina? Er sagt es vielleicht, aber ich muß ihm doch nicht glauben, daß ein windschiefer ,Uhrturm in Jaffa' Palästina ist und nicht Pisa oder Smyrna oder Teheran! Daß ein ,Mann im Boot' mit einem Kürbis als Kopf und Brettern als Arme einen palästinensischen Fischer statt den Mann im Monde darstellt. Woher weiß ich denn, daß Sie Palästina malen?" Der Maler: „Wir malen wie wir es fühlen — das ist eben Kunst." Ich: „Und das Publikum kauft letzten Endes eben doch nur die Bilder, wo der Maler es bezwingt, es zwingt, so zu fühlen wie er. Das ist eben das Publikum. Es will, daß der Maler, der Dichter, der Architekt jene Gefühle ausdrücken soll, die in dem Publikum schlummern, denen es aber keine Sprache verleihen kann, weil ihm versagt wurde, seine Empfindungen zu sublimieren. Es will, daß dies der Künstler besorgt — wenn nicht, dann kauft es eben nichts." Der Maler: „Und was will denn Ihrer Meinung nach das Publikum Palästinas?" Ich: „Den Judenstaat. Dazu kommen diese Menschen nach Palästina, um hier langsam, langsam ihren Staat zu errichten. Nicht bewußt, sondern unbewußt. Nicht weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen. Weil eine unsichtbare Faust —- die Faust Gottes, wenn Sic wollen — jedem am Genick sitzt und ihn zwingt, den Weg zum Staat zu gehen. Und alles, was nicht mit diesem Endziel unseres palästinensischen Lebens verbunden ist, sich organisch dort einordnet, das interessiert uns nicht, läßt uns ganz kalt und gleichgültig. In Malerei und im Theater, in der Oper und in der Literatur — wir verlangen Hilfe auf unserem Wege von der K u n st; gewährt sie uns diese Hilfe nicht, dann ist Kunst und Literatur ein Luxus." Der Maler: „Wir sollen den Judenstaat malen, das meinen Sie? Aber ich zum Beispiel bin doch kein Politiker, ich bin Maler und male, was mich erregt. Was mich anregt." Ich: „Und das Publikum kauft, was e s erregt, was es anregt. Und wenn die Sorgen und Sehnsüchte Ihres Volkes Ihnen fremd sind, wenn Sie zum Ziele .Judenstaat' kein persönliches und künstlerisches Verhältnis gewinnen können — wundert es Sie dann, wenn ich sagte, daß mir Ihr Werk gleichgüllig ist? Verlangen Sie nicht, daß ein rein politisch eingestelltes Gemeinwesen, wie das werdende Palästina in der Zeit des Kampfes notgedrungen sein muß, für Sie und Ihre individuelle Kunst mehr Verständnis habe als für irgend eine andere, nichtnalionale, apolitische Kunst. Mit anderen Worten: daraus, daß Sie zufällig als Wohnort Jerusalem oder Tel Awiw in die rechte Ecke Ihrer Bilder malen, dürfen Sie noch nicht die Forderung ableiten, als nationaler Maler zu gelten und gestützt zu werden." Der Maler: „Was verstehen Sie darunter, wenn Sie sagen, ich solle oder wir sollten Judenstaat malen? Man kann doch nicht Programm-Maler werden, vor allem nicht jüdischer Programm-Maler!" Ich: „Man kann ebenso den Judenstaat malen, wie David und Gerard die große Revolution gemalt haben: symbolisch. Malen Sie Jerusalem so, daß die Bindung zwischen ro-