Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 8 (August 1926)
- Article
- Der Tischa-beaw des Sabbathianers
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 458 (sequence 4)
- Language
- German
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458 MENORAH ruhige Heiterkeit, die die Mühen und Sorgen des Tages vergessen ließ. Einige der angesehensten Handwerker waren so glühende Anhänger des neuen Rabbi geworden, daß sie daran dachten, ihre Söhne mit seinen Töchtern zu verheiraten. Die Bürger des Städtchens machten sich über den Handwerkerrabbi und seine Anhängerschaft lustig. Endlich aber kam der Tag, da man erfuhr, wer der Fremde war. Es war am Tischa-beaw, dem Trauertag der Tempelzerstörung am 9. Ab. Ein schwüler Sommernachmittag. Das ganze Städtchen war in die Trauer des Tischa-beaw versunken. Scharen von Juden in zerrissenen Kaftanen wanderten in den Strümpfen, über die Gummigaloschen gestülpt waren, mit fastenbleichen, hitzezerquälten Gesichtern auf den Friedhof. Einige saßen im Hofe des Beth-hamidrasch und lernten gemeinsam, andere erzählten einander Legenden von der Tempelzerstörung. Schwer trug ganz S. den heißen, bleiernen Fasttag und oft wurden die Uhren gezogen, die wiesen, wie lange er noch dauern würde. Plötzlich kam eine Schar von Knaben in den Schulhof gelaufen und erzählte, draußen beim Handwerkerrabbi werde jetzt, am Tischabeaw, ein Fest gefeiert; die ganze Handwerkerjugend hätte sich dort versammelt, es werde getanzt, gespielt, gegessen und getrunken. Ein Fest am Tischa-beaw?! Alle Juden sprangen auf, als hätte sie ein Erdstoß emporgeschleudert. Tumult in der Stadt. Groß und klein, alt und jung eilte wie rasend vor die Stadt hinaus, dorthin, wo das kleine Bauernhäuschen in den Gärten stand, zum Handwerkerrabbi. Und fand dort — ein fröhliches Fest, dessen Treiben auf seinem höchsten Gipfel angelangt war! Die Alten, der Historie Kundigen errieten, was vorging. Das Fest des Sabbathai Zwi, der den Trauertag des 9. Ab zum messianischen Freuden tag erklärt hatte. Getümmel, Geschrei: „Gotteslästerung, unerhörter Frevel!" „Ein Sabbathianer, ausgelöscht werde sein Name!" „Ein Anhänger des Jakob Frank!" „Pfui!" „Jagt ihn fort!" „Ihresgleichen ist in Bann nach dem Gesetz!" Die wilde Menge brach gewaltsam in das Haus ein, die betrunkenen Handwerker warfen sich ihr entgegen, eine Schlägerei entstand. Daß sie nicht blutig verlief, war nur dem Geschrei der Frauen auf beiden Seiten zu verdanken. Noch in der gleichen Nacht verschwand der Wagen mit dem „Rabbi".