Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 8 (August 1926)
- Article
- Der Tischa-beaw des Sabbathianers
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 456 (sequence 2)
- Language
- German
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456 MENORAH hand Geschichten von ihren Wanderfahrten; diese Erzählungen machten unsere Jugend erst recht neugierig nach der Herkunft der Fremden. So war es Nacht geworden. Der fremde Jude nahm eine Geige aus dem Wagen, setzte sich auf die Wiese und begann wunderbare, nie gehörte Weisen zu spielen; seine Frau und die beiden Mädchen sangen dazu mit angenehmen Stimmen. So verbrachten wir die halbe Nacht mit den Fremden, aber unsere Neugier blieb ungestillt; niemand vermochte herauszubringen, wer und was sie seien. Einige Tage später durchschwirrte die Stadt, deren jüdische Bewohner zumeist Ghassidim wTaren, das Gerücht, ein fremder Rabbi sei angekommen; es mußte ein sonderbarer Rabbi sein, da er, wie gleichzeitig erzählt wurde, am Ende des Städtchens bei den Gärten in einem kleinen Häuschen Wohnung genommen hatte, das einem ukrainischen Bauernehepaar gehörte. Dieses brachte auch den Juden zuerst die Nachricht, es sei ein „heiliger Rabbi" angekommen; zugleich gaben die Bauersleute ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, daß die Juden nichts davon wußten und den Heiligen nicht kannten. „Er ist ein heiliger Mann, ein frommer Mann; selbst wenn er im Garten spazieren geht, betet er" — erzählte der Bauer. „Und er spielt so schön auf der Geige und seine Frau und die Kinder singen dazu" — ergänzte die Bäuerin. Die Neuigkeit verbreitete sich mit Windeseile und bald erzählte jeder eine Legende eigener Erfindung über den neuen Rabbi. Endlich beschlossen einige der angesehensten jüdischen Bürgersleute, dem Ankömmling einen Höflichkeitsbesuch zu machen und dabei zu erkunden, wer er sei und aus welchem Grunde er gerade außerhalb der Stadt, wo keine Juden wohnen, abgestiegen war. Ein ansehnlicher Zug machte sich zu diesem Besuche auf. Der „Rabbi" saß im Garten und rauchte eine lange Pfeife, seine Frau stand nicht weit von ihm und kochte auf offenem Feuer über einem eisernen Dreifuß; es wraren die Fremden, mit denen unsere Jugend auf der Wiese Bekanntschaft geschlossen hatte. „Schalom alechem!" „Alechem schalom!" „Woher kommt der Rabbi?" „Aus Gottes weiter Welt." „Woher stammt der Rabbi?'4 „Von den Erzvätern." „Wir Ghassidim dürfen es doch wissen ..." „Ach was, alle Juden sind Ghassidim."