Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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TEL-CHALOM, NACHT DER GESICHTE 413 die aus der verschlossenen Jungfrauschaft jetzt erwacht: ich. Und Penina, die edle Schönheit, und Zebuion, der Mißgestaltete. Und auch Abu Abdullah, mit dem ich mein eigenes Leben vergälle: ich. Ich bin, ich allein, der Einziglebende, der einzige Menschenstamm. Eine Welt ist nur da, weil ich sie träume. Träume? Ich fühle Angst um alle, ich winde mich in Sorgen für alle. S i e ruhen auf dem Lager meines Traumes, ich plage mich schlaflos auf meinem harten Bett. . . denn es ist kein Traum, es ist ein Gesicht . . . ein Alpdrücken . . . ich ringe mit dem Unhold. Der Unhold entsteigt auch mir selbst, um zu zerstören, was ich erbaue . . . Auch ist er kein Einzelner, eine ganze Schar ist es... Ich kann sie nicht bezwingen. Sie reiten durch das Tal, in totenblasses Weiß gehüllt, die Dämonen. Entsetzlich! Sie zogen aus, um zu töten, zu verderben, zu zerstören. Brüder, laßt es nicht zu. Hier war das Pogrommesser unter meiner Schulter, ist es nicht mehr da? He, Brüder, erwacht, erwacht! Alles umsonst, der Unhold stößt mich nieder, tritt über mich hinweg. Seinen Fuß setzt er auf den Nacken der Erde und würgt sie: Das Leben, das ich schuf. Es heult schon, wie der sterbende Widder, mein Leben — es weint. Ein schauderhaftes Summen. Jemand ruft um Hilfe. Jischaj, Jischaj! Mein Weib steht neben mir, zerwühlt, wild und wehklagend: Jischaj, die Überschwemmung!" Großväterchen kommt von der anderen Kammer. Er ist weiß. Er führt Melech bei der Hand. ,,Ich weiß nicht, irgendwo strömt das Wasser." Es graut der Morgen. Plötzlich wird es mir hell im Kopfe. ,,Die Araber! Sie durchschnitten die Schleuse!" Und in der ersten Wut fahre ich die Meinigen an: „Ich wollte heute nacht fort, doch konnte ich es euretwegen nicht!"' Berncha hebt ihr feuchtes Gesicht: „Was sagst du, Jischaj!" Die Kinder richten sich im Bett auf, Ezer schweigt, Zipporah weint lautlos, Kalbu aus voller Kehle: „Mutti, Mutti!" Hinaus in den Hof! Die Frau rafft Kalbu zu sich, mir nach. Großväterchen kommt bis zur Tür, dort bleibt er in gekrümmter Stellung stehen wie die Trauer selbst. Melech, der auf der Matte schlief und jetzt ganz durchnäßt ist, zittert. Merkwürdig, wie ich alle so deutlich vor mir sehe: überall Angst und bangender Schmerz. Durch sie sehe ich das Unglück. Das Wasser überschwemmt das Tal. Ein schmutziges Meer. Es kommt, bestürmt meine Siedlung, die Siedlungen der Brüder, wächst zusehends und verschlingt alles. Mein Feld unter Wasser. Nirgends ein grünes Blatt. Nur die jungen Bäume strecken sich aus der Flut hervor. Im Stall ein schmerzliches Gebrüll. „Zeltchen'*, schreit Beracha mit erschrockener Stimme. Wir laufen in den Stall. Ich weiß schon, die Frau hat es geahnt, Zeltchen hat ein Kalb gekriegt. Es liegt bei der Mutter, läßt den Kopf im Wasser hängen. Erstickt? Nein. Es lebt noch. Ich packe es. lege es hin in die Krippe. So hoch