Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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412 MENORAH „Ich schlafe", antworte ich brummend und wende mich. Jetzt sehe ich das Fenster nicht, ich versuche einzuschlafen, die Stimme meiner Frau hat mich einigermaßen beruhigt. Ich weiß, der schleusenzerstörende Araber ist ein Hirngespinst, warum hätte er Abdullah, sein Söhnchen, mitgenommen, das nicht größer als Kalbu ist? Er wollte das Kind nur ausreiten lassen, kam mit ihm, um ihm die Wasservögel zu zeigen und das neue Wunder des Tales, die wasserschüt.tende „Ziegeneuter", die wir erbaut haben. Ich kann dennoch nicht schlafen. Ich wäre froh, wenn ich es vermöchte. Meine Gedanken flammen verworren auf, wie ein Scheiterhaufen. Ich bin nicht wach, aber ich träume auch nicht. Oder sollte ich dennoch träumen? Seit wann liege ich auf diesem harten Bett? Seit zwei Stunden? Oder schon seit zweitausend Jahren? Was summt so um mich? Ist das ein Weinen oder ein Gesang? Schmerz oder Wollust? Da steht mein altes Leben und verlangt Rechenschaft. Es ruft mich zurück .. . Du hast gelitten, gebangt, geweint, aber Schmerzen sind auch süß, Bangen gut . . . Erinnerst du dich, wie du nach Gott rangst? War das nicht besser als jetzt? Du machtest kehrt und gehst den entgegengesetzten Weg. Um ihm nie und nimmer zu begegnen. Warum fielst du ab von ihm? Jetzt bist du eitel Hochmut: du selbst die Gottheit, weil du die Schöpfung fortsetzt. Ist das eine Schöpfung? Noch weiß man nichts. Siehe, wir, deine einstigen Taten, wir sind so schön! Damals warst du wirklich ein Schaffender. Meine einstigen Taten? Ich strenge mein Auge an, was sehe ich? Nichts. AVer summt, wer weint? Das Tal, die Nacht und die Stille. Oder meine Kinder? Sind sie meine einstigen Taten? Meine Kinder, mein Reis, die der Zukunft wie den Reis, wären sie die Schöpfung? Aber wer weiß, wie diese Saat aufgehen wird? Draußen auf der Malte ein Schnarchen und Schnauben . . . ein Greis und ein Kind. . . Der Alte nimmt das Kind bei der Hand, beide trippeln Seite an Seite, jedoch wie sonderbar! Sie gehen entgegengesetzte Richtung. Es ist furchtbar, daß der Greis bergan und das Kind bergab geht. Ich verstehe den Sinn nicht. Ich bin Flamme und Erde, aber die Erde verhüllt jetzt die Flamme. Einst nährte ich in mir die Flamme, jetzt die Erde. Ich bete die Erde an . . . mich selbst? ... Oh, niemand lebt außer mir, alles wurzelt im Boden meines Ich. Weib? Kind? Großväterchen? Bruder? Ich träume sie nur: alles bin ich. Beracha? Sie ist nicht, ich bin sie. Liebe ich sie? Ich liebe mich selbst. Streite ich mit ihr? Mit mir. Bin ich ihr böse? Mir selbst. Die Kinder? Sie alle bin ich. Die Ungewisse Gewißheit, meine Zukunft. Der gebückte Greis? Ich bin es: Die Vergangenheit. Das fremde Kind? Ich bin es, ich allein. Ich schweife herum, ich schwärme, ich esse das Brot der Fremden. Iljitschka? Er ist nicht. Ich bin Iljitschka. Ezechiel? Hochmütig, jähzornig; ich. Zriel, der Demütige? Ich, ich, ich. Alfieri, der Unschlüssige? Ich. Nachmen, mit dem gekrümmten Rücken, der sich aufrichtet? Ich. Der Litauer mit dem ewigen Argwohn seines einzigen Auges . .. Basje, Isa, die der Fruchtbarkeit nachrennt. . . Dinjuschka,