Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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414 MENORAH steig! das Wasser nicht. Die Ziege trampelt mit den Beinen, der schlaffe Bauch hängt ins Wasser hinunter. „Auf das Dach!" ruft Beracha. Sie legt „Kalbu" neben das Kalb in die Krippe, packt die Ziege, besteigt die Leiter und klettert auf das Dach des kleinen Stalles. Ich mache mir mit der Kuh zu schaffen, möchte sie auf die ausgerissene Türe legen, ich komme jedoch nicht dazu zu helfen. Jetzt sehe ich erst, wie stark meine Frau ist. Nach und nach verwirrt sich alles um mich. Auch in mir wird es wirr. Ich ermanne mich indes. Mut! Nur fest bleiben; auch das wird zu Ende gehen. Kinder, hinauf aufs Dach! Wir haben etwas Mehl, Kartoffeln, ein Körbchen Samen. Einige Kleider, Matten und Strolisäcke. Hinauf aufs Dach! Wie klug war es, daß wir ein flaches Dach gebaut haben. WTie klug war es von Beracha, das Dach mit Blumen zu bepflanzen. Mit Gemüse wäre es noch besser gewesen, aber wie hätte sie das wissen sollen? Immerhin ist das blumenbedeckle Dach der einzige Trost im Unglück. Ein Stück Farbe, ein Regenbogen. „Hinauf aufs Dach!" Die Kinder sind schon oben. Auch Großväterchen keucht die Leiter hinauf. Seine Füße triefen, er bleibt seufzend stehen, öffnet seine rotgeliderten Augen auf mich. „Du weißt, daß die Araber?" Ich bin nicht mehr so sicher. Ich schaue nach der ,,Ziegeneuter", man sieht aber im Grau nicht so weit. „Ich wreiß nicht, Großväterchen," antworte ich, „vielleicht riß das Wasser das Sperrholz fort." Ich gebe unsere Schätze Stück für Stück Beracha, die auf der oberen Leitersprosse steht. Oben nimmt sie ihr Melech ab, Zipporah ordnet sie. Ich stehe kniehoch im W'asser, ohne es zu spüren. Ich sehe es nur der Leiter an, daß die Flut sich hebt. Jetzt hat sie schon die dritte Sprosse erreicht. Ein Schaxier durchläuft mich. Wenn es uns auch auf dem Dach verfolgen sollte? Wenn es sich nicht zurückzieht? Wir verkommen alle jämmerlich! ,,Ich glaube, es ist stehengeblieben", sage ich Beracha. Ich fühle mich übel. Ich taumle. Beracha steigt herunter, schaut hinein nach den verlassenen Möbeln. Der Rock wirbelt ihr nach im Wasser, wie eine Schleppe. Der Schemel kommt geschwommen. „Da ist noch etwas!" sagt Beracha und trägt es hinauf an der Leiter. Sie bleibt stehen, schaut um sich, aus ihren Augen stürzt die Flut auch. Das Weib ist jetzt die Hoffnungslosigkeit selber. „Das Gemüse! Die Gerste! Der Reis! Alles, was wir gehabt, ist hin, Jischaj! Alles!" Ich möchte antworten . .. Die Stimme bleibt mir jedoch stocken .. . Diese schmutzige, graue Flut!... Dieser schwellende Ekel!... Man müßte sich irgendwo anklammern .. . nichts da. . . Das Dunkel stürzt über mich wie ein Sprühregen herein. (Das XII. Kapitel folgt in der nächsten Nummer)