Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1926) · p. Seite 410

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1926)
Article
Der Traumsiedler
Date
1926-06-01
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912860-2917755--03489-2917918
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

410 MENORAH lasse nicht von ihm, ich habe ihn gewollt, so gewollt. Hirse hätte ich geben sollen, als Abu Abdullah mich verlachte. Abends sitzen wir beim Tisch, aber das Essen schmeckt mir nicht. Ich sollte doch sehen, meint Beracha, daß es heurige Rüben sind, ebenso der schöne rote Rettich und der Salat, alles natürlich aus Berachas Gemüsegarten, zum erstenmal auf dem Tisch. Ich aber will es nicht sehen. Die Kinder bestaunen jubelnd die gelbe, grüne und rote Farbenpracht, Graß Väterchen kaut lachend mit seinem harten Gaumen, ich esse schweigend und zurückgezogen. Beracha weiß, warum. Und anstatt zu schweigen, läßt sie die Frage nicht los: „Sag' einmal, Großväterchen, was würdest du mit dem Feld machen, das den Reis durchaus nicht empfangen will?" Großväterchen weiß, daß die Frage gegen mich gerichtet ist, weicht ihr sanft aus. „Das weiß ich nicht. Jischaj versteht sich besser auf das Feld/' „Aber du kannst doch sehen, daß der Reis keine Ähren gibt." „Das kann man noch nicht sehen. Ich sehe nur, daß alles hier den Segen Gottes hat." Beracha schüttelt den Kopf. „Nein, nein, der Reis gewiß nicht." Sie ist mir böse, weil ich schweige. Und ich ihr, weil sie nicht schweigt. Ich weiß, daß sie auf ihren Garten stolz ist und sich freuen würde, wenn ich ihr Gemüse loben wollte; nein, ich lobe es nicht, sie tadelt ja meine Arbeit und ich soll die ihrige loben? Ich brauche ja kein Lob; aber ich hätte von ihr erwartet, daß sie auch Sinn dafür hat, was ich will. Frisch begonnen, halb gewonnen — sagte Ujitschka. Und was man beginnt, muß auch vollendet werden — meine ich. Der Zebuion, der hat meinen Reis schon damals bewundert, als er noch viel schwächlicher war. Zwar zuckte Theodor Song beim Vorübergehen die Achseln und sagte, wie jemand, der aus der kurzen Pfeife pfaucht: „Das soll Reis sein?" Nein, Song versteht das auch nicht. Ich sitze schweigsam, sage nur hin und wieder ein Wort zu Großväterchen, damit er nicht glaubt, ich sei ihm böse. Die Kinder machen mich mit ihrem Lärm nervös. Kalbu steigt auf meine Knie und reitet. Ich lasse ihn gewähren, ohne auf ihn zu achten. Ich sehe nur, daß alles lacht und Beracha schilt Kalbu: „Das darfst du deinem Vater nicht sagen." Aber Kalbu ist ein Trotzkopf, er schaukelt hin und her und wiederholt: „Ho ruck, wreißes Eselchen, ho!" Beracha lacht auch, schaut mich an und sagt: „Ich kann mit diesem Kalbu nicht fertig werden, du könntest ihn ,Mores lehren4." Aber ich sage nichts und Kalbu faßt Mut. Er packt mich beim Bart: „Väterchen, kauf mir einen weißen Esel." „Wozu denn?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.