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Menorah · 1926-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1926) · p. Seite 407

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1926)
Article
Die Vertriebenen
Date
1926-06-01
Page
Seite 407 (sequence 5)
Language
German
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DIE VERTRIEBENEN 407 ..Die werden ja ertrinken", bemerkte ein anderer. „Nein, ist sicher seicht", beruhigte ein dritter. Drüben, jenseits des Baches, schaute der Friedhof auf der Anhöhe all diesen Vorgängen stumm und traurig zu. Doch nicht lange blieb er stumm. Nach und nach fing der Friedhof an sich zu beleben, sich zu regen, so daß die Frauen diesseits des Baches zunächst heftig erschraken. „Weh' mir, der Friedhof rührt sich", schrie die eine hysterisch auf. Alle rissen abergläubisch die Augen auf, einige flüsterten mit bebenden Lippen: „Er rührt sich. . ." „Ich sag' euch, er r ü h r t sich", schrie jene abermals auf, und die Frauen rückten alle enger zusammen und bemühten sich einander zu berühren. „Dumme Weiber!" wandte sich Deborah an alle. „Ich sehe es nicht, es ist zu weit für mich, docb gewiß sind's die Lebenden, die gekommen sind, die Toten zu wecken. Wie traurig, der Gohis dringt bis ins Grab hinein ..." Die jüdischen Jungen und Mädchen verließen den Bach, die Wachmänner folgten ihnen mit den Peitschen. Jenseits des Baches stoben die Kinder schließlich auseinander. „Arbeiten ausgezeichnet", pries der Polizeiinspektor das Vorgehen der Wachmänner. Doch in demselben Augenblicke tauchte im Wasser ein Mädchen mit einem Korbe auf. „Das sind Teufel," brüllte der Polizeiinspektor ärgerlich, „ist durchgeschlüpft. — Wen soll ich denn schicken?" „Ist nicht nötig," sagten die Bauern, „'s ist eine Sünde!" Und das Mädchen stand bis an die Hüften im Wasser. Einige Bauern entblößten ihre Häupter und schauten neugierig und voll frommer Ehrfurcht zu. Die Frauen riefen das Mädchen an, winkten hastig mit den Händen, sie möge umkehren — und das Mädchen stand bis an die Brust im Wasser. Der Bach saugte sie langsam auf. Es wurde still ringsum. So still, wie es nur in einem einsamen Tal sein kann. Jenseits des Baches kamen die Wächter ans Ufer heran geritten, hielten plötzlich ihre Pferde an und blieben betroffen stehen. Regungslos blieben auch die beweglichen Schalten am Friedhof auf der Anhöhe, und es hatte den Anschein, als ob sich die Grabsteine in Reih und Glied aufstellten und dicht aneinander rückten. Aufrecht, soweit die gebrochenen Glieder es erlaubten, saß Deborah, die alte Rebbezen, allein auf der Fuhre und folgte mit weit aufgerissenen Augen den Bewegungen des Mädchens im Bache. Und als das Wasser das Mädchen schon bis über die Brust deckte, hob die Greisin ihren Blick zum Himmel und stellte in trotzigem Tone die herbe Frage: „Lieber Gott! Schau her. Das ist doch dein Kind, das hier um deines Namens willen sein Leben aufs Spiel setzt: Willst du es wirklich ertrinken lassen? „Was spricht sie da, die Alte?" fragte der Polizeiinspektor.

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