Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Vertriebenen
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 406 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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406 MENORAH Gesagt'hat er's", bemerkt der rührselige Bauer. „Es gibt jüdische Tränen, die wie Tropfen vom Dach auf den Schädel fallen. Ist es nicht so, ihr guten Leute?" „Es ist wahr", bestätigen einige Bauern einstimmig, indem sie mit religiöser Scheu die weinenden Frauen betrachten. Bloß e i n Fenster hatte das Tal, durch das es in Gottes Welt hinausblicken konnte: auf den Bach hinaus. Ein kleiner Bach war's, über welchen eine Lehmbrücke zum nächsten Städtchen führte. Dahin, zum Städtchen, wandten sich die Blicke der Frauen. Es kamen ihnen Juden in den Sinn, denn auf einer fernen Anhöhe sah man einen jüdischen Friedhof und einige überlegten laut: „Sicher Juden, was denn? Müßte man eigentlich irgend jemand hinüberschicken, vielleicht wissen lassen, man möchte die ,Herren' ersuchen, hier über Sabbat bleiben zu dürfen. Wieso wird man am Sabbat fahren?" Doch wissen lassen wird nicht erlaubt und Gesuche werden nicht entgegengenommen. „Mit dem ,Feind'", erklärte der Polizeiinspektor, „gibt es kein Mitleid." Das Städtchen hat's aber von selbst erfahren. Jüdische Not, so verborgen sie auch sein mag, pflanzt sich durch die Luft fort und findet sicher ihren Weg zum jüdischen Ohr. Bald zeigte sich jenseits des Baches jüdische Jugend, mit Körben voll Speisen, mit Kannen voll Milch, Buben und Mädchen, die sich anschickten, über die Brücke zu gehen, zu den unglücklichen Verbannten. „Nein!" befahl der Polizeiinspektor, streng wie ein Eroberer. „Nicht lassen!" Die Wächter sprangen auf die Pferde und trabten rasch über die Brücke, um den Weg abzusperren. Von der Ferne konnte man wahrnehmen, daß drüben Verhandlungen gepflogen wurden, das hastige Gestikulieren zeugte von Hartnäckigkeit, doch das Echo eines derben Fluches in russischer Sprache deutete das Ende an, und die jüdischen Kinder mit ihren Kannen und Körben kehrten um und stellten sich am Ufer des Baches auf. Die Frauen, fast alle um die Fuhre der alten Bebbezen geschart, flüsterten traurig miteinander, und Deborah stieß einen Seufzer aus: „Schade, jüdische Kinder wollen eine Mizwe (Gebot Gottes) erfüllen und siehe da... ei, Gott, was stört dich denn eine Gnade, die ein Jude dem anderen erweisen will. ..?" Plötzlich wüster Lärm. Im Bach standen Knaben und Mädchen, barfüßig, Hosen und Röcke gerafft, die Proviantkörbe auf den Schultern. Sie schickten sich an, den Bach zu durchwaten, doch die Wache spra*ig reitend ins Wasser, stellte sich ihnen entgegen und trieb sie mit Peitschenhieben zurück. „Die sind ja verrückt'', sagte daraufhin ein Bauer.