Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Vertriebenen
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 408 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912860-2917754--03486-2917916- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
408 MENORAH Irgend jemand erklärte in gebrochenem Ruthenisch, die Alte bete zu Gott für das Mädchen. Ein Bauer bekreuzigte sich: „Die heilige Maria soll ihr helfen/' Und der Polizeiinspektor schnalzte mit der Zunge: ..Ein Mordskerl, eine Teufelin!" „Laß sie über die Brücke", wagte ein Bauer einzuwerfen. „Geht nicht!" wies der Polizeiinspektor streng ab. „Der Bezirkshauptmann hat's verboten, ,Feinde'." Aus dem Wasser ragten die Schultern, der Kopf und die hochgestreckten Arme mit dem Korbe hervor. — Und in demselben Augenblick verlor der Bach sein gewöhnliches Aussehen. Er bekam ein wunderliches Gesicht, als ob er selber erschrocken wäre, als ob er Angst hätte sich zu rühren, daß ja nicht eine Welle das Wasser hebe, im Gegenteil — irgendwo in der Tiefe fängt er an langsam den Grund zu heben und trägt behutsam das Mädchen mit empor. Schon sieht man* einen Teil ihres Körpers, immer höher wächst er von oben nach unten. Jetzt sind die Hüften da, jetzt sieht man schon die Bewegungen der Beine. Erleichtert gibt der Bach das Mädchen aus seinem Radien wieder . . . Im Korbe waren frische „Chales" (Stritzel) und gesottene Hühner, Wein für Kranke, Milch für Kinder und — Rock und Bluse zum Wechseln. Zunächst segneten die vierhundert Frauen alle insgesamt das Mädchen, dann fingen sie an ihr Vorwürfe zu machen, ihr nachzuweisen, daß das Ganze höchst überflüssig gewesen sei. Und zuletzt weinten alle, alle zusammen — die Frauen und das Mädchen . .. Bloß die alte Rebbezen vergoß keine Träne. Zwischen den tiefen Runzeln ihres Gesichtes irrte ein frommes Lächeln. Sie nahm den Kopf des Mädchens in ihre beiden Hände, schaute ihm liebevoll in die Augen und sprach zu ihm voll Innigkeil: „Meine Tochter, meine Einzige, nicht weinen! Dich hat der Ewige in große Versuchung geführt. Du hast widerstanden. Lang leben sollst du uns. Töchterchen. Dein ,lebendiger S'chns' wird uns den Golus erleichtern. Wohl der Mutler ..." Einer der Kutscher unterbrach Deborahs Segenswünsche. „Hör' inal. kleines Judenmädel, du bist im Bach nicht ertrunken. Er hat dich wieder herausgegeben. Doch eure Tränen sind offenbar ein Abgrund. Hier sind zwanzig Rubel, mein Lohn fürs Fahren, ich brauche das Geld nicht, gib's deinem Rabbi, sage ihm, Oleksa, der Knecht Gottes, Oleksa schenke es ihm für jüdische Zwecke." Der Polizeiinspektor brummle zwischen den Zähnen: „Blöder Kerl.'4 Einige Bauern ließen die Bemerkung fallen, lieber hätte er das Geld ihnen für Schnaps geschenkt, und die Sonne tat das ihrige: sie fing an unterzugehen . . . Das Mädchen behielt die zwanzig Rubel, lächelte verstört bald den Bauer, bald die Frauen an,( brach plötzlich in lautes Weinen aus, und rannte zum Städtchen zurück. Ans dein Jiddischen von Amalie Grimberg.