Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Vertriebenen
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 405 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912860-2917754--03483-2917913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE VERTRIEBENEN 405 ..Was ,dabert* er*?*' (spricht er), fragte die eine. „Kindchen, was ist's für ein Unterschied?" antwortet die andere. ..Nach Hanse fahren befiehlt er ja nicht/' „Und doch müßte man es wissen", mischt sich eine andere ins Gespräch. „Wie neugierig du bist!" beschwichtigt sie die alte Deborah. „Er sagt das, was uns bestimmt worden ist." „Vorwärts", brüllte der Polizeiinspektor. Die Pferdchen zogen schwerfällig an. Einige schlecht geschmierte Achsen ächzten und über die lange Wagenreihe trug sich eine staunende Bauernstimme: „Können diese Jüdlein wirklich irgend jemandem Böses antun . . .?" jjjs gibt auf Gottes Erden solch wundervolle Täler, daß man sich in ihnen gleich wie zu Hause fühlt, kaum, daß man sie betreten hat: so wohl wird's einem ums Herz. Die Berge ringsum sind wie Wände, das Stückchen Himmel oben sieht aus wie eine gut sitzende Kappe, und es scheint, als ob man bloß die Hand auszustrecken brauchte, um ihn zu erreichen, ihn anzufassen und sich zu überzeugen, daß es dort über den Bergen auch etwas Begrenzendes gibt, das vor Überraschungen schü tzt. Heimelig ist's im Tal; hier hat die Natur ihre lieblichsten Landschaften ausgebreitet. Sie wußte es, die Künstlerin, daß im Rahmen der Berge ihre Malereien schöner aussehen werden, sauberer gewaschen vom Regen und besser geschützt vor rauhen Winden. Doch fremd bleibt all dies den unglücklichen Frauen. Im Tal fühlen sie sich noch fester an die Wagen geschmiedet; sie sitzen, tauschen Klagen aus, trübselig, ohnmächtig, und die eine fragt verzweifelt : „Lieber Gott! Wo hast du uns hingeführt?" „Umzäunt, wie ein Friedhof", erklärt eine andere vom Wagen nebenan und bricht in lautes Weinen aus. So manche gute Stimmung wird durch ihr Jammern gestört und die Ruhe des Tales entweiht. „Wras kreischest du, Weib?'4 fragt eine Kutscherstimme. „Was heulst du?" „Sie wird wissen warum," sagen ein paar Bauern zugleich, „nur Besoffene weinen ohne Grund." Und der eine, auf dessen Wagen geübte Klageweiber saßen, spuckte hastig aus, warf seine Mütze zu Boden und rief zornig: „Der Schlag soll ihn treffen mit den Juden zusammen! Der Teufel hat mir's eingegeben sie zu führen. In solchen Tränen", fügt er hinzu, „kann man ja ersaufen/' „Male den Teufel nicht an die Wand," warnt ihn ein älterer Bauer, „du sollst es nicht schlecht deuten." Ein zweiter bricht in ein Gelächter aus: „Jüdische Tränen sind wie Tau in regenloser Zeit: er fällt und läßt keine Spur zurück."