Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Vertriebenen
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 404 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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404 MENORAH „Eskortiert" wurden die Vertriebenen von einfachen Bauern, an deren Spitze einige Wachleute standen. Für diese besiegten „Feinde" brauchte man keine Soldaten. Ein Teil der Bauern blickte neugierig und forschend auf die Vertriebenen, auf ihre gequälten und erschrockenen Gesichter, auf die Greise und halbwüchsigen Jungen und ohne ein Wort zu reden, spuckten sie aus oder bekreuzigten sich. Einer von ihnen fragte naiv: „Können diese Jüdlein wirklich irgend jemandem Böses anlun ...?" Die Vertriebenen hatten Prorow im Morgengrauen verlassen. Unter den Fußgängern gab es lauter Männer. Frauen und Kinder durften fahren. — Prorower Juden hatten es bei ihrem „Isprawnik" (Bezirkshauptmann) im geheimen erwirkt; es hätte doch der Verdacht auf sie fallen können, mit dem Feinde zu sympathisieren. Über vierhundert Frauen und Mädchen hatten sich in Bauernwagen zusammengepfercht und, begleitet von Segensgemurmel und verstohlenen Tränen der jüdischen Bevölkerung, folgten sie den Spuren der Männer. An einem bestimmten Walde sollten alle Vertriebenen zusammenkommen, um zu übernachten. Auf einer der Fuhren, eingehüllt in Tücher und Decken, umringt von einer kleinen Schar Nachbarinnen, saß Deborah, die alte „Rebbezen". — Für ihr Alter war selbst die Glut der Julisonne nicht warm genug . .. „Kalt!" stöhnte von Zeit zu Zeit die Greisin, und die Frauen auf ihrer Fuhre, erhitzt und schweißtriefend, zeigten keine Spur von einem Lächeln. Mitleid verzerrte ihre sonnverbrannten Gesichter und matt winkte die eine der anderen zu. Eine von ihnen neigte sich ans Ohr der Greisin und fragte mitleidsvoll: „Rebbezen, für welche Sünden eigentlich büßen Sie da?" In den Augen der Greisin erschien ein warnender Blick. Strafend, doch mild, gab sie zur Antwort: „Schweig', meine Tochter, schweig'! Fragen soll man nicht. Und wer bin ich denn? — Du, Dummerle, es ist eine große Gunst, leiden zu dürfen mit ,Kol-Jisroel'." Betrübt, sah die Frau, welche die Frage gestellt hatte, ihren Fehler ein. Weinend begann sie über den Golus zu fluchen. Doch auch dies ließ Deborah nicht gelten. „Erstens" — erklärte sie — „sind wir Juden, der Golus, mein Kind, hat seinen Weg, und zweitens ist das Fluchen eine Stufe . .." „Tr—r, tr—r, tr—r!" hörte man plötzlich alle Kutscher auf einmal schreien. Die Pferdchen hielten an, die Wagen blieben stehen und man vernahm die strenge Stimme des entgegenkommenden Polizeiinspektors: „Halt! Ich befehle, daß jenseits des Berges Rast gemacht wird. Das heißt, dort im Tal; und .. .", streng, „die Judenweiber eine halbe Meile weit vom Walde halten."