Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Grundlagen jüdischer Wohlfahrtspflege
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 376 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912860-2917739--03427-2917884- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
376 MENORAH 1. Als der höchste Grad der Zedakah — höher noch als die Gabe vor der Bitte, höher noch sogar als das heimliche Geschenk, bei dem der Geber den Bedachten nicht kennt und dieser nicht jenen — höher als dies alles gilt die produktive Fürsorge, die den Armen zum Nichtarmen macht und ihm durch Arbeits- und Berufshilfe in den Stand setzt, künftig keine Gaben mehr zu brauchen. Durch diese, sehr moderne, aber schon im Talmud vorhandene und von Maimonides als Gesetz kodifizierte Rangordnung innerhalb der Wohlfahrtspflege ist die „Wohltätigkeit" über sich selbst hinausgewachsen und hat sich in ihrer eigenen Vernichtung vollendet. Aber auch der Arme selbst wird angesprochen und davor gewarnt, sich mit seinem Schicksal, bequem und vielleicht faul, einfach abzufinden. Im gleichen Atemzug wie die Vorschriften für die Pflege des Bedürftigen, insbesondere am Sabbat, ergeht an diesen selbst die merkwürdige Mahnung: „Feiere deinen Sabbat eher in werktäglicher Einfachheit, als daß du den Menschen zur Last fällst27)." Dieser scheinbare Widerspruch zwischen dem, was über den gleichen Gegenstand dem Reichen und dem Armen gesagt wird, enthüllt den spezifischen Wahrheitscharakter der jüdischen Lehre, in der allemal das lebendige Wort vor der fixierenden Schrift war. Jedes echte Wort ist nicht nur vom Sprecher bedingt, sondern auch vom Hörer — und so klingt auch das echte Wort der Zedakah anders, ob es an den Reichen geht oder an den Armen. Und gerade, daß dieser nicht nur als Objekt angesehen, sondern einer eigenen Ansprache für wert gehalten wird, zeigt seine grundsätzlich völlige Gleichberechtigung, die ihn zur Gestaltung seines Schicksals und zur Überwindung seines Standes ruft. 2. Die zweite Gefahr: daß die Organisation die Einzeltat vernichte, ist vielleicht beim Judentum besonders groß, da hier alles bis ins kleinste geregelt und für die Entscheidung des freien Augenblickes nicht mehr viel übrig gelassen scheint. In der Tat führen zum Beispiel die Lehrer des Talmuds als einen der inneren Gründe für die Zerstörung Jerusalems auch den an28), daß die Juden verlernt hatten, über die starre Linie des Rechtes hinauszugehen und sich ängstlich, ohne Weite des Herzen, mit den Wohltaten und Gerechtigkeitszeugnissen begnügten, die vom Buchstaben vorgeschrieben waren, aber nichts von der Gnade des Überflusses spüren ließen. Doch zeigt schon diese Bewertung, die eine entscheidungsvolle historische Katastrophe mit dem Fehlen der freien Liebestat des Einzelnen in Kausalzusammenhang setzt, wie sehr diese Unmittelbarkeit des brüderlichen Herzens trotz oder vielmehr: in aller notwendigen Organisation vom Judentum gefordert wird. So haben wir denn auch, gerade für das Gebiet der Wohlfahrt, aus sehr alter und aus ganz neuer Zeit Beispiele dafür, daß die Gefahr der Verstockung in der Pflicht erkannt und überwunden wurde. Die M i s c h n a sagt schon29): „Wer eine einzige 27) Sctiabb. H8a, Maimonides, Hilchoth Schabbath 30, 7; S-chulchan Aruch, Orach. Chaiin, § 242, schränkt die Bestimmung etwas ein; vgl. besonders den Türe Sabürsv z St. *8) B. m. 30 t. Vgl. Mechiltha zu Ex. 18, 20 und Rambam, Hilch. Deoth. I, 5. 28) Sanh. IV, 5. 8°) In der Einleitung zu den „Jüdischen Schriften" a. a. O. 31) Sota 14 a.