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Menorah · 1926-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1926) · p. Seite 377

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1926)
Article
Grundlagen jüdischer Wohlfahrtspflege
Date
1926-06-01
Page
Seite 377 (sequence 12)
Language
German
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GRUNDLAGEN JÜDISCHER WOHLFAHRTSPFLEGE 377 Seele in Israel erhält, dem wird es angerechnet, als ob er eine ganze Welt erhalten habe'4 und Hermann Cohen schenkte einst, als junger Berliner Hauslehrer, auf einem Lehrspaziergange mit seinem Schüler, einem bettelnden Stromer einen Groschen und antwortete auf die Frage des Jungen: „Herr Doktor, warum haben Sie dem Kerl etwas gegeben?, er versauft's ja doch", nichts als: „Dummer Junge, naschst du nicht?" Der „dumme Junge", der später ein großer Philanthrop wurde und alles, was er als solcher leistete, dieser Antwort Cohens verdanken will, hat sie „zeitlebens in den Ohren behalten", und Franz R o s e n z w e i g, der sie überliefert, kommentiert sie mit den Worten: ., . . .So war Cohens Sozialismus30)." 3. Die dritte Gefahr ist die ernsteste von allen. Nur zu oft wirkt Wohltätigkeit als eine Art „Sicherheitsventil"; nur zu oft dient sie den herrschenden Klassen zur Betäubung ihres sozialen Gewissens, nur zu oft sind große Philanthropen sehr weit davon entfernt, in ihrem eigenen Geschäftsbetrieb die einfachsten Grundsätze ausgleichender Gerechtigkeit oder auch nur anständiger Entlohnung und Behandlung zu betätigen. Die jüdische Wohlfahrtspflege ist in ihrem Ursprünge aus der Ungleichheit vor Gott und ihrem Hinweisen auf die Endgleichheit vor Gott zu solcher Beruhigung nicht geschaffen: sie mahnt, im Gegenteil, ihre rechten Träger, also Geber wie Empfänger, immer an das Unvollkommene des augenblicklichen Zustandes; sie stellt, um einen Gedanken Hermann Cohens zu wiederholen, die Stabilität von Gesetz und Staat jeweils in Frage. Und gerade damit erreicht sie zugleich ihren letzten sozialen und ihren letzten religiösen Sinn. Denn im Psalm, im Gebet der Hanna, bei Hiob, im täglichen Achtzehngebet und wo noch immer wird stets die Ewigkeit Gottes der Wandelbarkeit der irdischen Zustände gegenübergestellt und er als der Herr dieses Wechsels gepriesen. Dabei fallen ihm dann, wie schon der Talmud31) bemerkt, Attribute zu, die mit denen des wohltätigen Menschen identisch sind: er erhebt Fallende, stützt Wankende, kleidet die Nackten, speist die Hungernden oder, anders gefaßt: Gott selbst wird zum Wohltäter und damit zum Garanten der künftigen Sozialgerechtigkeit. Der Mensch, der mit diesem Endziele Wohlfahrt übt, ist auf dem Wege, der für den Juden unter den religiösen der allein gangbare ist: auf dem Wege der Nachahmung Gottes.

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