Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1926) · p. Seite 374

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1926)
Article
Grundlagen jüdischer Wohlfahrtspflege
Date
1926-06-01
Page
Seite 374 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912860-2917739--03425-2917882
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

374 MENORAH säuerte Brot des Pessachfestes wird „das Brot der Armut" genannt, zunächst nur in Erinnerung an die armseligen Zeiten der ägyptischen Flucht, doch dann sofort von der Einladung begleitet: „Jeder, der hungert, komme und esse mit." An jedem Wallfahrtsfeste, also am Pessach, dem Wochen- und dem Laubhüttenfeste, ist der zweite Tag besonders dazu bestimmt, Spenden „je nach Vermögen" bekanntzugeben19). Für Purim sind neben den freundschaftlichen Geschenken der Gegenseitigkeit „Gaben an die Bedürftigen" schon in der Estherrolle vorgeschrieben20) und bis heute beibehalten21); ein Fasttag, der nicht mit Spenden für die Armen endet, ist „wie Blutvergießen", und auch der Gottesdienst jeden Alltages bringt an den einzelnen Beter zwei Wohlfahrtsbüchsen heran, denen niemand den Beitrag weigern mag. So spricht denn auch das tägliche Tischgebet in seiner ersten Benediktion von Gott, der das All ernährt. Am stärksten aber wirkt sich dieser Gedanke am zentralen Tage des Judentums aus: am Sabbat. Er stellt arm und reich völlig gleich: wie sonst nur noch der Tod, der ja jeden Juden in den gleichen schmucklosen Sarg unter den gleichen unterschiedslosen Grabhügel bestattet. Beide, der Sabbat und der Tod, sind Vorboten und Bürgen des Erlösers und daher auch Vortäter seiner ausgleichenden Tat: Auslöscher der irdischen Unterschiede, die sein Kommen verzögern. Am Sabbat muß jeder Arme drei Mahlzeiten erhalten, kein Haus soll ohne den sabbatlichen Gast sein, der, meist ein armer Wanderer, oft sich als schriftkundiger Mann zeigt und von der Legende gern als der Prophet Eliah, als der leibhafte Stellvertreter des Messias, entdeckt wird. 2. Für die eigentliche Aufgabe der Religion, für die Versöhnung der Menschen mit Gott, hat die „Zedakah" entscheidende Bedeutung. Sie vermag es, am Versöhnungstage, gemeinsam mit Gebet und Umkehr, das schon beschlossene böse Verhängnis vom Menschen abzuwenden. Dies kann nicht irgendwie magisch gemeint sein, sondern nur in dem Sinne, den schon die Mischna dem Versöhnungstag gibt22): er kann nur die Vergehungen gegen Gott sühnen, nicht die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch regeln. Diese muß man selber in Ordnung halten und bringen, und zwar vor allem durch soziale Gerechtigkeit. Sie ist Vorbereitung, aber auch Vorbedingung für die Versöhnung des Einzelnen mit dem Schöpfer aller Menschen. Diese Funktion der Versöhnung wird vom Midrasch gelegentlich in einem noch kühneren Sinne für die Zedakah in Anspruch genommen: nämlich als Friedensstiftung zwischen dem rebellischen Menschen mit Gott, als Beruhigung etwa des aufsässigen Armen, der sich dräuend auf sein monotheistisches Menschenrecht beruft und die gefährliche Frage stellt: „Was ist der Unterschied zwischen jenem Reichen und mir23)?" So kann der Arme, als Anlaß höchster religiöser Pflichterfüllung, mehr geben als empfangen24); die ihm getane Zedakah wird nicht nur zur individuellen Versöhnung, sondern weit darüber hinaus, auch nach Meinung des Maimonides, zur Gesamterlösung selber führen, 1S>) Siehe alle jüdischen Festgebetbücher. 2°) Esther 9, 22. 21) Schulchan Aruch, Orach Chaim, § 694. 22) joma VIII, 8. 23) Wajikra Rabba 34. 24) Ebenda.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.