Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Ethnographie der Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 346 (sequence 13)
- Language
- German
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346 MENORAH schon früh im Gefolge der Römer an den Rhein und die Donau kamen. Man kann sogar die Möglichkeit erwägen, ob nicht schon jüdische Händler ins Innere Germaniens gezogen seien, als die römischen Legionen an seinen Grenzen standen. Im frühen Mittelalter waren die jüdischen Gemeinden am Rhein die blühendsten, aber auch schon nach Mitteldeutschland und bis nach Böhmen und Österreich waren Juden gekommen. Die Verfolgungen seit dem Beginn der Kreuzzüge bis zur Zeit des Schwarzen Todes (1096 bis 1349) haben diese Gemeinden bis auf geringe Reste vernichtet. Die vor den Metzeleien flüchtenden Juden retteten sich nach Polen, wo sie sich im Laufe der Zeit mit den älteren Schichten verschmolzen und diesen ihre deutsche Kultur und Sprache gaben. Dieses Deutsch war das zur Zeit der Verfolgungen in Ober- und Mitteldeutschland gebräuchliche und ist von dem heutigen im Wortschatz, in der Syntax, der Aussprache und dem Tonfall natürlich verschieden. Außerdem ist es mit hebräischem und slawischem Wortmaterial stark durchsetzt. Man nennt diese Sprache das Jüdisch-Deutsche oder Jiddische. Es ist von Polen aus weiter nach Osten gewandert und die Muttersprache auch der russischen Juden geworden, so daß die ganze ostjüdische Menschheit es als Umgangsprache besitzt, soweit ihre Angehörigen nicht zum Polnischen oder Russischen übergegangen sind. Von Polen ging dann auch die Wiederbevölkerung Deutschlands und der nordischen Länder mit Juden aus. In Frankreich, Holland und England kreuzten sich daher die beiden Strömungen der sephardischen und aschkenasischen Juden, wobei die letzteren die späteren Abkömmlinge sind. Man darf bei dieser Rückwanderung nicht vergessen, daß große Teile Polens lange Zeit preußischer Besitz waren (bis 1806 sogar Warschau) und daß die Juden dadurch leichter Eingang im übrigen Deutschland fanden, wo vorher nur eine spärliche jüdische Bevölkerung, vornehmlich in Westdeutschland, übrig geblieben war. Diese deutschen Juden standen zudem in Sprache und Kultur zumeist ihren östlichen Glaubensgenossen näher als der Bevölkerung ihrer Heimatländer. In dieser Hinsicht hat erst die Aufklärungszeit und die im Laufe des 19. Jahrhunderts vor sich gehende Emanzipation der westeuropäischen Juden Wandel geschaffen. Durch ihren Eintritt in die europäische Bildung ist jene Kluft zwischen West- und Ostjuden geschaffen worden, die heute so schroff in die Erscheinung tritt. Anderseits hat die kulturelle Hebung der westeuropäischen Juden den Unterschied zwischen dem sephardischen und aschkenasischen Element unter ihnen verwischt, so daß heute praktisch kaum noch eine Trennung zwischen diesen beiden Gruppen besteht, wo sie an einem Platz nebeneinander wohnen. Durch die Annahme der Landessprache werden sie ohnehin schneller geeint. Der körperliche Typus der aschkenasischen Juden ist wohl zum Teil erheblich verschieden von dem der sephardischen Juden, aber in sich durchaus nicht einheitlich. Wir haben schon gehört, daß die südrussischen und galizischen Juden einen ganz besonders großen Prozentsatz blonder und hochgewachsener Elemente aufweisen, die man