Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Ethnographie der Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 345 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE ETHNOGRAPHIE DER JUDEN 345 Die sephardischen Juden hielten sich überall von den eingeborenen Juden fern und sahen etwas hochmütig auf sie herab. Dazu hatten sie in den ersten Jahrhunderten ihrer Ankunft aus Spanien auch ein gewisses Recht. Denn ihre nord- und osteuropäischen Glaubensbrüder standen damals zumeist auf einer weit niedrigeren Bildungsstufe; sie waren lange nicht so zivilisiert und wohlhabend wie die spanischen Emigranten. Auch in der äußeren Erscheinung stachen diese von den in engen Ghettos eingepferchten und körperlich entarteten Juden des übrigen Europas vorteilhaft ab. Die spanischen Juden waren zum großen Teil vornehme, gut gewachsene Erscheinungen mit vollendeten, weltmännischen Umgangsformen. Auch geistig waren sie anfangs den übrigen Juden, mit denen sie in Berührung kamen, überlegen. Noch heute gibt es Forscher, die in den Spaniolen den edleren Typus des Juden erblicken. Doch im Laufe der Zeit milderten sich die Gegensätze zwischen sephardischen und aschkenasischen Juden. Während sich diese kulturell hoben seit Beginn der Emanzipation, gaben die Spaniolen viel von ihrer Eigenart auf. Lange hatten sie auch in Westeuropa ihre spanische Mundart bewahrt. Heute ist sie überall den einheimischen Landessprachen gewichen, in Amsterdam wie in Hamburg, in Wien, Budapest, Serajewo, Sofia usw. Selbst in Konstantinopel beginnt das Spaniolische dem Türkischen, in Saloniki dem Griechischen zu weichen. In den nordafrikanischen Ländern sprechen die spaniolischen Juden neben dem Arabischen entweder Französisch oder Italienisch; nur in Marokko hält sich infolge der Nachbarschaft mit Spanien das Spaniolische noch bis heute neben dem Arabischen. In Spanien und Portugal gibt es noch zahlreiche Marranenfamilien, die sich gern wieder offen zum Judentum bekennen möchten. Ebenso würde es Spanien jetzt freudig begrüßen, wenn seine ehemaligen Juden zurückkehren wollten. Was aus beiden Bewegungen in Zukunft werden wird, läßt sich nicht voraussehen. Vorläufig ist der spanische Klerus noch zu einflußreich und die Masse des Volkes zu ungebildet, als daß sich baldige Ergebnisse erwarten ließen. Auch fragt es sich, ob viele spaniolische Familien geneigt wären, dem Ruf ins alte Vaterland Folge zu leisten. Gegenwärtig ist die Rolle der spaniolischen Juden zudem in den Hintergrund getreten, gegenüber der Bedeutung, welche die aschkenasischen Juden sich errungen haben. Schon zahlenmäßig fallen jene kaum mehr sehr ins Gewicht. Es ist erstaunlich, welchen Bevölkerungszuwachs die aschkenasischen Juden seit etwa einem Jahrhundert zu verzeichnen haben, während die andere Judenheit stehenbleibt oder zurückgeht. Die Herkunft der aschkenasischen Juden ist keine einheitliche. Ihre Einwanderung nach Mitteleuropa erfolgte von Westen und Süden her; nach Osteuropa kamen die Juden ursprünglich von der Küste des Schwarzen Meeres. Wenn uns auch ältere urkundliche Beweise für die Anwesenheit von Juden am Rhein fehlen — nur für das Jahr 321 sind sie in Köln bezeugt — so kann doch kein Zweifel bestehen, daß sie