Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Ethnographie der Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 347 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912860-2917727--03379-2917855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE ETHNOGRAPHIE DER JUDEN 347 faute de mieux auf die chasarische Blutmischung zurückführt. Großwüchsig und kräftig ist auch der litauische Jude, während der polnische Jude zumeist klein und dunkel ist. Wie weit dabei die rassenhafte Gestaltung der Umgebung mitwirkt, bleibt noch eine offene Frage. Wieder einen anderen Typus verkörpert der ungarische Jude. Bei diesem liegt erhebliche Blutmischung mit den Eingeborenen vor. Die eigentlichen deutschen Juden haben stärkeren „semitischen" (das heißt orientalisch-südeuropäischen) Einschlag als die osteuropäischen Juden, obwohl auch bei ihnen hellfarbige Typen nicht fehlen. Vielleicht wirkt die starke Mischung mit Juden nach, die aus Frankreich nach den rheinischen Städten im späteren Mittelalter teils freiwillig, teils gezwungen auswanderten. Der aschkenasische Jude — nicht der Ostjude — der in Frankreich, England, Holland, den nordischen Ländern, den Vereinigten Staaten von Amerika usw. vertreten ist, bildet durchaus keinen einheitlichen Typus mehr. Die Angleichung in Sprache, Lebensgewohnheiten, Tracht usw. an das jeweilige Wirtsvolk hat ihn stark differenziert. Das macht sich nicht allein in der äußerlichen Erscheinung, viel mehr noch in der seelischen Struktur bemerkbar, wofür uns die Kriegs¬ und Nachkriegszeit genug drastische Beispiele geliefert hat. Feindschaften zwischen nahe verwandten jüdischen Familien in den kriegführenden Ländern sind vielfach aus der Kriegspsychose heraus entstanden, die bis heute noch nicht ausgeglichen sind. Ein Beweis dafür, wie sehr der Jude dem Einfluß seiner Umgebung zugänglich ist. So zeigt das Bild des jüdischen Volkes auf Erden eine verwirrende Menge der Erscheinungen, die unmöglich auf einen Nenner gebracht werden können. Mag auch der Grundstock vielfach noch durchschimmern und in manchen Vertretern des Judentums in die Erscheinung treten, so sind ihm doch überall auf Erden so viel fremdartige Elemente beigemengt, daß eine etwaige ursprüngliche Einheit sich dem Auge des Beschauers nicht mehr bemerkbar macht. Was die Juden auf Erden noch bis zu einem gewissen Grade eint, ist nicht die körperliche Struktur, sondern eine seelische Verfassung, die sich teils positiv aus der Einwirkung des gleichen Glaubens, teils negativ aus der Abstoßung von seiten der andersgläubigen Bevölkerung ergibt. Ob sich aus dieser ähnlichen psychischen Einstellung bei den verschiedenen Zweigen des Judentums durch bewußte Zusammenschmelzung wieder ein einheitliches Volkstum ergeben kann, wird in ethnologischer Hinsicht das Experiment zeigen, das die zionistische Bewegung in Palästina anstellt. Noch ist es zu früh, um ein endgültiges Urteil zu fällen. Wie es aber auch ausfallen mag, an der Tatsache der erheblichen körperlichen und im gewissen Grade auch seelischen Differenzierung der großen Massen des jüdischen Volkes auf Erden werden die in Palästina zu erwartenden Erfahrungen nichts ändern können. Aus diesem Grunde ist es auch unmöglich, das Problem der jüdischen Rasse auf eine einheitliche Formel zu bringen. Wir müssen uns vorläufig damit bescheiden, die etwaige Lösung dieser Fragen der Wissenschaft der Zukunft zu überlassen.