Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Ethnographie der Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 339 (sequence 6)
- Language
- German
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DIE ETHNOGRAPHIE DER JUDEN 339 ben die Juden Viehzucht wie die Eingeborenen und wissen die Waffen zu gebrauchen; im Kaukasus haben die Bergjuden wenigstens äußerlich den kriegerischen Schmuck der Tscherkessen angenommen. Die facies judaica (das jüdische Gesicht) ist also trotz mancher übereinstimmender Züge, die sich aus der Vererbung und der religiösen Isolierung erklären, doch recht differenziert in den verschiedenen Gegenden der Erde, wo Juden seit alter Zeit wohnen. Der persische Jude unterscheidet sich wesentlich von dem bucharischen Juden; der Jude in Südwestarabien (dem Jemen) ebenso von seinem Glaubensgenossen in Syrien oder Kleinasien. Jede Gruppe hat ihren eigenen körperlichen Typus, nicht selten auch ihre eigene geistige Struktur. Bei beiden ist häufig der Einfluß der Umwelt zu beobachten, was uns der Natur der Dinge nach nicht zu überraschen braucht. Doch alle hier flüchtig genannten Splitter des Judentums werden heute an Bedeutung und Einfluß sowie auch zahlenmäßig weit übertroffen von den beiden Zweigen des europäischen Judentums und seinen Ausläufern in der übrigen Welt: den sephardischen und aschkenasischen Juden. Unter sephardischen Juden oder Spaniolcn versteht man die um das Mittelmeerbecken angesiedelten Juden, die bis zum Jahre 1492, beziehungsweise 1496 auf der Iberischen Halbinsel (Spanien und Portugal) ansässig waren. Seit der Zeit der römischen Herrschaft, vielleicht schon unter den Phöniziern, wohnten Juden in Spanien; sie erhielten sich unter der Westgotenherrschaft und weiter bis zur Eroberung Spaniens durch die Araber, unter denen sie zu hoher Blüte gelangten, und als die christlichen Kastilianer das Land wieder zu erobern begannen, blieben die Juden zunächst unangefochten im Besitz ihrer alten Rechte und ihres Ansehens. Doch je mehr sich das Nationalgefühl der Spanier durch ihre kriegerischen Erfolge gegen die Araber und deren Zurückdrängung nach dem Süden entfaltete, um so schwieriger wurde die Stellung der Juden. Der Nationalismus tobte sich damals noch nicht in dem heute beliebten Fetisch, der sogenannten Rasse, aus, sondern in religiöser Intoleranz. Die Juden konnten also den Verfolgungen, die seit dem Jahre 1391 in größerem Maßstab einsetzten, durch den Übertritt zum katholischen Glauben entgehen. Solche mehr oder minder freiwillige Taufen erfolgten besonders im letzten Jahrhundert des Aufenthaltes der Juden auf der Iberischen Halbinsel in großem Maßstab, ohne daß deshalb die Familienbeziehungen zwischen Getauften und Ungetauften abgebrochen wurden. Die Religionsdisputation von Tortosa (1413) hemmte den Verfall des Judentums nicht. Als daher nach der Einnahme von Granada (1492) und der Vertreibung der Mauren aus Spanien die gänzliche Reinigung Spaniens von den Ungläubigen von einem fanatischen Klerus gefordert wurde, blieb dem schwachen König Ferdinand, der dazu noch unter dem Einfluß seiner bigotten Frau Isabella stand, nichts übrig, als das Ausweisungsdekret für die Juden zu unterzeichnen. Es wurde ihnen eine dreimonatige Frist zur Liquidierung ihres Grundbesitzes und ihres sonstigen Vermögens zugestanden; dann aber mußten alle Juden, die nicht zum katholischen