Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Ethnographie der Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 340 (sequence 7)
- Language
- German
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340 MENORAH Glauben übertraten, den Wanderstab ergreifen. Der Strom der Flüchtlinge ergoß sich über alle Küstenländer des Mittelmeeres, nach Italien, Marokko, Algier, Tunis, Tripolis und besonders nach der Balkanhalbinsel, die wenige Jahrzehnte vorher von den osmanischen Türken erobert worden war. Bei ihnen fanden die Flüchtlinge duldsame Aufnahme, nicht nur die Reicheren, sondern auch die Mittellosen. Freilich entwickelten sich damals in Konstantinopel und Saloniki die Zustände, wie sie heute bei den Ostjuden in London und New York, zum Teil auch in Paris, Wien und Berlin herrschen. Was in Spanien und Portugal (wo die' Ausweisung im Jahre 1496 erfolgte) an getauften Juden zurückgeblieben war, hielt im geheimen an der angestammten Religion fest und wartete auf eine Gelegenheit, Spanien zu verlassen, um zum väterlichen Glauben zurückkehren zu können. So war in dem Jahrhundert, das auf die Ausweisung folgte, ein ständiger Abzug von „Marranen"— so nannte man die Scheinchristen — aus Spanien. Sie wandten sich zunächst nach Nordafrika und der Türkei wie ihre Vorgänger. Die Marranen, die in Spanien und Portugal ausharrten und heimlich die jüdischen Bräuche übten, waren bis ins 18. Jahrhundert den ärgsten Verfolgungen durch die Inquisition ausgesetzt, die zahllose Verurteilungen zum Tode (Verbrennen auf dem Scheiterhaufen) verhängte (Autodafe). Als gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Niederlande von Spanien abfielen, luden sie portugiesische und spanische Marranen zur Niederlassung in Amsterdam ein, da sie ihre kaufmännische Tüchtigkeit zu schätzen wußten. Es wurde ihnen völlige Religionsfreiheit gewährt und ihrer Rückkehr zum Judentum kein gesetzliches Hindernis in den Weg gelegt. Von Amsterdam zogen Marranen weiter nach Hamburg, wo ebenso früh eine spanisch-portugiesische Gemeinde entstand. Doch hier blieben die Juden nicht so unbehelligt wie in Holland. In Hamburg hatte der deutsche Kaiser (ein Habsburger) wenigstens formell etwas zu sagen. Es ist ergötzlich zu lesen, wie sich zum Beispiel Leopold I. (das heißt die kaiserliche Regierung in Wien) beim Hamburger Senat bemühte, damit dieser gegen einen Marranen, Diego Texeira, der dort wieder Jude geworden war, einschritte. Der Senat lehnte es ab, zumal Texeira schwedischer Generalkonsul und mit der Königin Christine von Schweden gut befreundet war. Da gab die Wiener Regierung zu verstehen, daß Texeira die Todesstrafe, die auf den Übertritt vom katholischen zum jüdischen Glauben stand, durch Zahlung von 150.000 Taler abwenden könne. Also ein ungeschminkter Erpressungsversuch. Der Jude blieb aber bis zu seinem Tode (1666) hart und zahlte nicht. Da schickte Wien einen neuen Kommissar v. Selb nach Hamburg, um mit dem Sohn wegen Zahlung zu verhandeln. Dieser hatte zwar das väterliche Vermögen in Sicherheit gebracht, einigte sich aber zur Vermeidung der drohenden Konfiskation mit dem kaiserlichen Kommissar dahin, daß er ihm eine — vermutlich etwas dubiose — Forderung von 75.000 Gulden an einen spanischen Granden zedierte und 3000 Gulden in bar zahlte. Der Kaiser erhielt das Geld übrigens nie, da sein Kommissar es — unterschlug und vor Einleitung des Prozesses gegen ihn starb.