Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Ethnographie der Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 338 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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338 MENORAH Sitten ganz zu Chinesen geworden. Dieser Assimilierungsprozeß ist seitdem noch weiter fortgeschritten, auch der jüdische Glaube ist mitsamt der altehrwürdigen Synagoge — die freilich auch schon chinesischen Einfluß in ihrer Bauart verriet — so gut wie verschwunden, wenn auch noch einige Großfamilien jüdischen Ursprunges vorhanden sind. Ob die Versuche, die gegenwärtig von Schanghai aus nach älterem Vorbild unternommen werden, diesen verschwindenden Rest einer einst bedeutenden jüdischen Gemeinde wieder dem Judentum zuzuführen, gelingen werden, bleibt abzuwarten. Nicht minder eigenartig, wenn auch in ihrer Herkunft noch ein Rätsel, sind die Negerjuden Abessiniens, die Falascha. Man weiß nicht sicher, woher ihr Judentum stammt, ob von Ägypten, wo seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. jüdische Militärkolonien am ersten Nilkatarakt bestanden und die Juden unter den Ptolemäern sehr zahlreich geworden waren, oder von Arabien, wo die jüdische Religion bis zu Mohammeds Auftreten viele und mächtige Anhänger besaß. Auch ist das Judentum der Falascha sehr verschieden von dem rabbinischen: einerseits bewahrt es biblische Riten wie Opferdienst und manche altertümliche Bräuche, ohne Mischna und Talmud zu kennen; anderseits besitzen die Falascha keine Kenntnis des Hebräischen, haben dieselbe äthiopische Bibel wie die christlichen Abessinier und haben viel abergläubige Sitten von ihnen angenommen. Sicher ist, daß heute keine Spur „semitischen" Blutes bei ihnen mehr anzutreffen ist, wenn sie überhaupt jemals welches besaßen; sie sind Agau-Neger wie ihre christlichen Landsleute, an die sie übrigens im Laufe der Zeit durch Gewalt und Überredung die Mehrzahl ihres Stammes abgegeben haben. Die Übriggebliebenen wollen nun mit Unterstützung der europäischen und amerikanischen Juden zu den reinen Quellen des Judentums herangeführt werden und schon ist ein Lehrerseminar in Adis-Abeba, der Hauptstadt Abessiniens, begründet worden, das den Falascha Lehrer für das Hebräische und die jüdische Religion, wie sie sich für die Mehrzahl ihrer Bekenner im Laufe der Zeit gestaltet hat, ausbilden wird. Wir haben bisher zwei extreme Fälle der Angleichung von Juden an die übrige Bevölkerung dem Leser vor Augen geführt. Wenn es auch nicht überall so weit gekommen ist, daß die Eigenart der Juden so gut wie ganz verschwand, so gibt es doch noch zahlreiche Beispiele, daß sich die Juden der Umgebung mehr oder minder angeglichen haben. In Vorderindien, in Bombay und dessen Umgebung finden wir die Beni-Israel, die, obwohl gläubige Juden, doch äußerlich infolge Vermischung mit eingeborenen Elementen der Bevölkerung ganz den Hindutypus angenommen haben. Im Hinterland von Tripolis, Tunis und Algier wohnen zahlreiche Juden wie die Berber in oberirdischen und unterirdischen Höhlen und gleichen den übrigen Bewohnern des Landes in Lebensweise und Tracht. Ja, in den Oasen der Sahara gibt es jüdische und halbjüdische Stämme, die als Beduinen neben den Tuaregs leben; ebensolche jüdische Beduinen finden wir im Innern Arabiens, wo sie auch waffengeübt sind. Im kurdischen Bergland trei-