Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Religion und Gesundheit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
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330 MENORAH ist die Sehnsucht des Menschen nach Verjüngung, er traut allen möglichen äußeren Mitteln die Kraft der Erneuerung zu. Salhen und Pasten sollen die runzlige Haut geschmeidig erhalten, Haarwässer aus der steril gewordenen des Schädels neue Locken hervorwachsen lassen, Lebenssalze sollen neue Frische verleihen, organische Präparate, Operationen, Kuren die verschwundene Jugendkraft hervorzaubern. Auf anderen Wegen sucht der Talmud die ewige Jugend. „Die Schüler fragten den Rabbi Nechunja ben Hakoneh: Wieso bist du so alt geworden? Er antwortete: Niemals habe ich meine Ehre in der Schmach meines Genossen gesucht. Niemals hat der Fluch meines Genossen mein Lager bestiegen. Freigebig war ich mit meinem Vermögen29)." Er war also frei von Neid und suchte seinen Ruhm in der Erhöhung des eigenen Wesens und Wirkens, nicht aber in der Herabsetzung des anderen, er hielt sich fern von Haß, Rache und Groll und vom filzigen Geiz, von all den bösen Gefühlen, die die Kehle zusammenschnüren, die unmittelbar die Lebenskraft verringern, die den Menschen enge, bösartig und bitter machen im Gegensatz zu dem strömenden freien Lebensgefühl des neidlosen, großherzigen, großzügigen Menschen. Sie sind ein chronischer Selbstmord, eine dauernde Selbstzerfleischung, die auch die leibliche Gesundheit mit Sicherheit untergräbt30). Nicht in jenen äußerlichen Mitteln, sondern in der Bekämpfung und Tilgung dieser bösartigen Gemütsverfassung und Stimmung sah der greise Rabbi und sehen wir eine der vornehmsten Voraussetzungen für ein gesundes Leben und ein glückliches Alter. Die Erhöhung, die Blüte und die Kraft des Lebens ist eine Frucht der Institutionen unseres Religionsgesetzes. Mit dem, was wir gewöhnlich Hygiene nennen, haben sie nichts zu tun, sie fließen aus anderen Quellen. Deshalb rühmt von ihnen der Segensspruch: „Gott hat uns durch seine Gebote geheiligt." Wir betrachten sie nicht unter dem Gesichtspunkt der Gesundheitspflege. Mag zum Beispiel auch die Milah hygienische Wirkungen ausüben, sei sie etwa der beste Schutz gegen Phimose oder gegen Schmutz, der sich sonst ansammeln könnte, wir üben sie nicht deshalb und wir betrachten die Verletzung der Mizwoth als einen Verstoß gegen ein Gottesgebot, nicht aber als einen Verstoß gegen die Grundsätze der Hygiene. Sie haben die höchste Bedeutung als dauernde Erziehung der Seele zu Ruhe, Freude und Reinheit. Als einziges Beispiel sei der Sabbat erwähnt. Der Sabbat ist an vielen Stellen der Bibel geboten und wird häufiger eingeschärft, als irgend ein anderes Gebot. Eine bis ins einzelne weit ausgedehnte Gesetzgebung in Thora, Talmud und Schulchan Aruch sorgt für seine Durchführung bis ins kleinste. Sie geben dem Menschen wahrhafte Ruhe, eine unvergleichliche Ruhe. Die Gabe der Ruhe aber ist das Zeichen geistiger Gesundheit. Das ist das seelische Leiden vieler Menschen, daß sie nicht mehr ruhen können. Ein Mann, auf dessen Schultern eine übermäßige Verantwortung und Arbeitslast lag, verfiel in schwere Neurasthenie. Ihr 2°) ]\Eeg. 28 a. 80) Vgl. dazu Max Scheler, Das Ressentiment im Aufbau der Jloralen, in „Vom Umsturz <ter Werte" I, S, 45ff.