Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Religion und Gesundheit
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH wir das Wesen der Seele nicht bestimmen können, kann hier außer Betracht bleiben. Sie lebt und wirkt, ohne daß wir imstande wären, sie zu definieren. Ihr Kern und ihr Innerstes bleibt für uns im Dunkel. Aber wichtig ist die Aufmerksamkeit auf die äußeren Anzeichen des verborgenen Zusammenhanges, durch den seelische Bewegungen ihren körperlichen, körperliche ihren seelischen Ausdruck finden. Freude äußert sich in einem belebten Pulsschlag, und bei plötzlichem Schrecken stockt uns das Herz. Vor Angst bricht uns der Schweiß aus allen Poren, vor Scham erröten, vor Furcht erblassen wir. Zorn, Haß, Rache, aber auch Glück, Freude, Zufriedenheit malen sich in unserem Gesicht. Die Bewegung der Gedanken äußert sich in dem Spiel der Mienen, so entwickelt sich das „vergeistigte" Gesicht des Denkers, das stupide des Stumpfsinnigen. Auf dieses Zusammenspiel des Innersten mit dem Äußeren, der inneren Welt der Seele mit der leiblichen Erscheinung verweist gleich auf den ersten Blättern der Bibel das Wort Gottes an Kajin: „Warum blickst du so finster, und warum ist dein Angesicht eingefallen? Wahrlich, wenn du das Gute tust, kannst du dein Angesicht hochtragen20).4' Schon in gesunden Zeiten bestimmt unser inneres Leben den Kreislauf unseres Blutes, beeinflussen unsere Gedanken die Spannung unserer Muskeln und die tausendfachen kleinen Bewegungen, von denen zuletzt unsere körperliche Haltung abhängt. Womöglich noch mehr äußert sich dieser wechselseitige Einfluß in unseren kranken Tagen. Mehr, als wir im ersten Augenblick annehmen, hängen körperliche Krankheiten mit seelischen Stimmungen zusammen. Vielleicht gilt dies selbst von Zufällen, die rein äußerlich zu sein scheinen, vielleicht sogar von Arm- und Beinbrüchen. Sigmund Freud hat uns gelehrt, in anscheinend ungewollten äußeren Ereignissen die Wirkung eines Willens zu sehen, der sich seiner selbst vielleicht nicht bewußt ist. Wenn einem Manne auf der Straße ein Ziegel auf den Kopf fällt, wenn er unter die Räder eines Zuges gerät, liegt meist ein böser Zufall vor. Aber in einer ganzen Zahl von Fällen suchte wohl der Verunglückte den Tod und hat in diesem unbewußten Streben die tausendfachen unwillkürlichen Sicherungen außer Kraft gesetzt, mit denen ein nach Leben verlangender, am Leben hängender Organismus mit sicherem Instinkt sich schützt. Derartige Unglücksfälle sind selten. Anhaltend, dauernd und immerwährend aber ist der Einfluß unserer seelischen Stimmung auf die organische Gesundheit oder Krankheit, auf die Gesundung und Erkrankung unseres Körpers. Bis zu einem gewissen Grade wird der, der gesund werden will, gesund, und der, der krank werden will, krank. Davon wissen unsere Versicherungen, die öffentlichen, wie die privaten, ein Lied zu singen. Wer versichert ist, wird leichter krank und braucht länger bis zur völligen Genesung, als der nicht Versicherte. Hier handelt es sich nicht um Simulation, nicht um einen bewußten Betrug, sondern um unbewußte, rein seelische Stimmungen, deren Frucht eine Schwächung des Lebenswillens und damit eine Ver- *9) I. B. M. }, fi, 7.