Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-05-01 · Heft 5 (Mai 1926) · p. Seite 311

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 5 (Mai 1926)
Article
Unsere Mutter
Date
1926-05-01
Page
Seite 311 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912859-2917519--03293-2917665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

UNSERE MUTTER 311 Aufregungen, wie sie heutzutage so häufig von Dienstboten hervorgerufen werden, äußerst selten. Nebst einem tragischen Ereignis — ein blutjunges Ding hatte sich von ihrer Stiefmutter zu einem größeren Diebstahl bei uns verleiten lassen und wurde von der Gendarmerie in die Stadt zurückgebracht — versah eine andere, höchst ergötzliche Begebenheit die Kinderstube für lange Zeit mit Unterhaltungsstoff. Die Resi, die schon sechs Jahre bei uns diente, mußte zu ihrem alten Vater nach Kenty zurückkehren, und wir standen plötzlich ohne Köchin da: es war vor den Osterferien, zu denen wir die beiden ältesten Brüder aus Wien und Rosa mit Mann und Kind erwarteten. Um diese Zeit fand in B. eigentlich kein Dienstbotenwechsel statt, und es waren die einzigen Wochen im ganzen Jahr, wo Multer, um ihre Gäste recht genießen zu können, Wert darauf legte, eine verläßliche Köchin im Hause zu haben. Als sich uns also eine Aushilfsköchin bot, eine junge Witwe, die eben ihr kleines Gasthaus verkauft hatte, da mußte Mutter in den sauern Apfel beißen und sich zu unerhörten Bedingungen verstehen, daß ihr beim Geschirrwaschen eine Scheuerfrau helfen und diese auch das Reiben des Fußbodens, wie das Hereintragen der Kohle aus dem Schuppen besorgen müsse, und daß sie für vierzehn Tage einen ganzen Monatslohn bekam. Die junge Witwe war zur Besprechung in ihrem Schwarzseidenen und mit goldener Uhr und Kette erschienen. Als sie die Stätte ihrer künftigen Wirksamkeit besichtigte, da tat sie zu guterletzt noch die Frage: ,,Ja, und wer wird mir das Wasser holen?" Damals gab es noch keine Wasserleitung in der Stadt, und es standen jederzeit zwei Holzkannen an einem bestimmten Platz in der Küche, in denen das Wasser aus dem Hof vom Brunnen geholt wurde. Da ergriff unsere schöne, junge, resolute Mutter die beiden Kannen, öffnete die Tür, die in den Hof führte, eilte zur Pumpe, handhabte blitzschnell den Schwengel und war im Augenblick mit den gefüllten Kannen wieder da. „Ich," sagte sie im freundlichsten Tone von der Welt; ,,bitte mich nur immer zu rufen, wenn Sie Wasser brauchen, auch wenn ich gerade Gäste habe und im Salon sein sollte, das macht nichts.** Die Szene steht so lebhaft vor mir, als hätte sie sich nicht vor mehr als dreißig Jahren, sondern gestern ereignet. Die Buben erhoben vor lauter Freude ein Indianergeheul, und wir Mädel hingen mit atemlos-bewundernden Blicken an unserer Mutter — die noble Köchin aber schlug mit einem beschämten: ,,So war es ja nicht gemeint*', die Augen nieder: sie hat die kurze Zeit über, in der es uns vergönnt war, die Früchte ihrer Kochkunst zu genießen, sich stets das Wasser selbst geholt. Als unser Jüngster ein Jahr alt war, gingen wir zum erstenmal aufs Land. B. liegt am Nordrand der Beskiden und war ursprünglich wohl eine polnische Niederlassung; es dürfte im dreizehnten Jahrhundert gegründet worden sein. Der Wald, den laut einer Urkunde vom Jahre 1312 Herzog Mieszko I. den ,,treuen Bürgern von B.** zum Geschenk machte, ist eine halbe Stunde von der Stadt entfernt und mittels einer gutgebauten, schmucken elektrischen Bahn zu erreichen. Man war also sehr rasch im Grünen, ohne sich eine Landwohnung nehmen zu müssen. Die Flucht ins Grüne für den ganzen Sommer war damals in der kleinen Stadt noch etwas Ungewohntes. Nur einige reiche Fabrikanten, die ohnehin Wagen und Pferde besaßen, fingen langsam an, sich draußen Villen zu bauen. Ein Bekannter von uns hatte das Fürstlich Sulkowskysche Gütchen Wilhelmshof gepachtet, wir waren draußen gewesen und Mutier war so entzückt von der Abgeschiedenheit, daß sie die notwendige Franzensbader Kur zu unterlassen und statt dessen mit Kind und Kegel hinauszuziehen beschloß. Das war ein Jubel, eine Glückseligkeit unter uns Kindern! Und eine herrliche Zeit begann. Nur eines fehlte: ein kaltes Bad. Wasser war zwar genug vorhanden, sonst aber nichts. Multer sagte dem Pächter: ,,Wenn Sie uns nächsten Sommer wieder hier haben wollen, so müssen Sie für ein kaltes Bad Sorge tragen.** Der Pächter meinte, das würde schwer halten. „Durchaus nicht," behauptete Mutter, ,,das kann nur einen Pappenstiel kosten. Sehen Sie wie ich mir das denke." Und sie ergriff ein Stück Kreide und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.