Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 312 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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312 UNSERE MUTTER zeichnete damit einen Plan auf die Tischplatte. Die Augen des Pächters wurden immer größer, er prüfte den Plan, und — im folgenden Sommer stand das Badehäuschen genau so da, wie Mutter es sich gedacht hatte. * „Wart' ock, ihr Rackerr ihrr, die Zigainerr wem aich schonnt holen kommen, wenn ihrr ka Ruh gäpt!" Diese Drohung bekamen wir gar oft in der Kinderstube von der alten Susi zu hören, wenn wir allzuviel herumtollten oder ihr einen Schabernack um den andern spielten. Dann pflegten wir aber mit einer ungewohnten Plötzlichkeit aufzuhören und zu bitten und zu schmeicheln, bis sie eine ihrer gruseligen Geschichten vom Stapel ließ, von dem schlimmen Mädel, das nicht folgen wollte und von den Zigeunern geholt wurde, bei denen sie jetzt noch als altes Mütterchen dient, oder vom Räuberhauptmann Klimczok, der des Nachts direkt vom Klimczok durch den unterirdischen Gang in die Stadt kam und heute dort noch hause und nur auf eine Gelegenheit warte, schlimme Buben zu stehlen und zum Räuberhandwerk zu erziehen. Das war die ersle Kunde, die wir vom Zigeunerwald erhielten, und wir konnten es gar nicht erwarten, uns mit eigenen Augen davon zu überzeugen, wie etwa hinter jedem Baum ein bis an die Zähne bewaffneter Räuber hervorschaute oder eine Zigeunerbande nach einem für witzigen Mägdelein auslugte. Aber selbst als wir später allwöchentlich, ja noch öfter in den Zigeunerwald gebracht wurden, der bei genauerer Bekanntschaft seinen Schrecken für uns verlor, einen gewissen geheimnisvollen Zauber hat er bis auf den heutigen Tag für uns bewahrt. Wohl an die zwanzigmal sind wir zu längerem Aufenthalt im Zigeunerwald gewesen, am unvergeßlichsten wird mir der letzte Aufenthalt bleiben — im Sommer vor Mutters Tode. Im letzten Jahrzehnt waren wir nur flüchtig draußen gewesen: wenn wir Multer besuchten oder auf Vaters Grab fuhren. Da bescherte uns die gütige Vorsehung eine Einladung Mutters in den Zigeunerwald für Kind und Kegel. Erwartungsvoll und „quietschvergnügt" wie unsere Jüngste sagte, traten wir die Fahrt an, die uns Alten nichts anderes bedeutete als eine Fahrt nach der Jugend. Eine große Überraschung harrte unser, ein sorgliches treues Mutterherz hatte das Wunder vollbracht: unsere Sachen wurden nicht in die Villa Anna — im Volksmund heißt sie wegen der kornblumenblauen Fensterumrahmung und Läden die „Blauäugige** — sondern in das große gelbe Bauernhaus geschafft, in dem wir unsere glücklichsten Tage und Wochen verlebt hatten. Nur die Kinder sind in der Villa untergebracht, wir sind Gäste bei Muttern. Überwältigt von Rührung und Erinnerungen treten wir in die große, niedrige, schmucklose, weißgetünchte Stube, die von fast klösterlicher Einfachheit ist: zwei Betten, ein Nachtkästchen, ein Waschtisch, ein Kasten, ein Arbeitstisch und zwei Sessel — das ist die gesamte Einrichtung ganz wie vor zehn, wie vor zwanzig Jahren. Unsere Wirtin begrüßt uns — das ist ja wirklich und wahrhaftig die Hanne, die letzthin noch im kurzen Kleid herumlief! An Schlaf war natürlich trolz der Reisemüdigkeit nicht zu denken, dazu waren unsere Herzen zu voll. Bis Mitternacht plauderten wir unaufhörlich, dann, als eben ein mahnendes ,,Na, aber jetzt wirklich gute Nacht!4* von Seiten meines Mannes ertönte, erklang plötzlich Musik vor dem Nachbarhause. Eine Ziehharmonika! Und horch! Die Verse, die dazu gesungen wurden! Mutterr, Mutterr, seid nicht bese, Doo (daß) ich aire Tochterr frei'; Aire Tochterr ist merr lieberr Wie a Topf mit Pietschkabrei! Andere Vierzeiler folgten; endlich verhallte der Gesang, oder ich schlief ein. Aber als der Morgen anbrach, war ich längst wieder wach vor innerer Erregung. Leise, säuselt der Wind in den reichbeladenen Zweigen des treuen Apfelbaumes, dessen Früchte lockend schimmern. Ein Ast drängt sich durch das weitgeöffnete Fenster in die Stube, ich kann ihn erreichen, ohne auf den Balken treten zu müssen, der rings um den Fußboden läuft. Ich fasse ihn, ziehe ihn ganz herein und beuge mich über die drei rotbäckigen Äpfel, die mir zunächst sind: der süße Duft mahnt mich an die seligen Kinderjahre, da man wahllos alles genoß, was Obst hieß. (Fortsetzungfolgt)