Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 300 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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300 MENORAH „aber recht hat sie, ganz recht! Im vollendetsten Hochdeutsch hätte ich Ihnen dies nicht besser sagen können, recht hat sie!" Ob sie recht hatte, die prachtvolle Frau! Mit wahrer Sehnsucht erinnere ich mich ihrer, zu der eine tiefe, innige Verehrung mich hinzog, sobald ich sie näher kennenlernte. Stets würdevoll und vornehm, mit einer Grandezza, die sie für den spanischen Hofstaat hätte geeignet scheinen lassen. Form und Haltung unverbrüchlich bewahrend und trotzdem sie eigentlich von kleiner Gestalt, war etwas Königliches in der Erscheinung. Durchaus Aristokratin, die ihrer Abstammung Wurzel zumindestens dem Erdreich der Zionsburg entsprossen wähnte. Tatsächlich gehörte sie einem der ältesten und vornehmsten Judengeschlechter an. Talmudgelehrsamkeit bis in Generationen zurück. Ich hörte mal etwas von einem Stammbaum, der zehn Generationen rückwärts führte und allüberall Gelehrsamkeit und Wohlstand und eine entschiedene Entwicklung ins moderne Leben. Davon wollte sie nun gerade nichts wissen. Sie sprach lieber von ihren Urahnen von dazumal, als von ihren Vetlern von heute, in so angesehenen Stellungen diese sich auch befanden. Denn diese Rebbezin — pardon, diese Frau Doktor war fromm und gütig und fromm und sanftmütig. Fromm im konservativsten Sinne, sogar auch politisch ihrem schon mit dem demokratischen öl der Achtundvierzigerjahre gesalbten Gatten gegenüber. Es war ein Genuß, ihren Debatten zu folgen, die er absichtlich herbeiführte, um sie unmerklich zu necken und in Eifer zu bringen. Aber dies gelang immer nur bis an die Grenze ihrer Würde und aristokratischen Haltung. Nie vergaß sie, was sie ihrer Herkunft schuldig zu sein glaubte. Und wie veredelte sie unbewußt diese Häuslichkeit. Er wußte sehr genau und war dankbar und froh darüber und lächelte innerlich über die kleinen Prätentionen, die oft damit verbunden waren. Ihr Wesen und Walten war Güte, reinste tiefernste Güte. In diesem Zeichen stand dieses Rabbinerhaus dank seiner ... im sag' ich es aber gerade mit kräftigster Betonung, seiner — Rebbezin! . . . Sie hört's ja nicht. 1 >l eben diesem Ehepaar wuchsen drei liebe Kinder empor. Mädchen. Judith, die älteste, Rahel, die zweite und eine Nachgeborene. Das Nesthäkchen der Familie, von Eltern und Schwestern gleichermaßen verwöhnt. Wie hätte sie auch anders heißen können als Ruth. Judith war ernst und begabt und nachdenklich, Rahel lustig, spottsüchtig, übermütig und Ruth war schön, sehr schön sogar, bildschön, sagten manche. Da ich heute ein alter Herr bin, kann ich's ja verraten, ich glaube, ich war in das Kind reineweg verliebt. Wenn sie so in kind-