Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 299 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS HAUS 299 lyten, Herr Kreisphysikus!" Ich glaube, ich war etwas beschämt, als er meinen Scherz so stolz zurückwies. IVJLit der Frau Rabbinerin stand ich anfangs weniger gut. Seitdem sie einmal meine Anrede: „Liebe Rebbezin" sehr reserviert und höflich, aber entschieden zurückgewiesen hatte. „Für die Mitglieder unserer Gemeinde bin ich Rebbezin und bin stolz darauf, für alle anderen aber bin ich die Frau Doktor oder die Frau Rabbinerin, Herr Kreisphysikus, wenn ich bitten darf!" — Sie betonte den Titel Kreisphysikus ziemlich scharf und ich kam mir etwas abgekanzelt vor mit meiner Vertraulichkeit. Dieses gräßliche Judendeutsch! Es hat mir manche Unannehmlichkeiten bereitet, dennoch möchte ich diese Ausdrucksweise nicht missen in meinem Sprachschatz. Immerhin bleibt es merkwürdig, daß ich weniger Anklang fand bei den gebildeten Juden, wenn ich mich dieser ihnen doch geläufigen Ausdrücke bediente und ich fand gewöhnlich eine ins Hochdeutsche übertragene Zurückweisung, als fänden sie es unangemessen, daß ich als Christ ihnen mit dem Jargon ihrer Glaubensgenossen kam. Diese aber, sobald sie auf geringer Bildungsstufe standen und gesellschaftlich niedrigem Niveau, mochten diese Intimität gern und betrachteten sie als einen Vertrauensbeweis, der mich immer näher brachte. Herr Gott, was habe ich mit meinen Patienten gemauschelt oder gar in den Wohnstuben mit den Wöchnerinnen und ihrer Mischpoche und bei den Chassenes und Barmizwehs und Lewajehs, ich betone das nun gerade absichtlich, in Leid und Freud' der Frau Doktor zum Trotz; allerdings, weil sie es nicht hören kann, sonst hätt' ich „maure" vor ihr. Und so war auch mein Verhältnis zu ihr. Ich hatte eine mit höchster Verehrung für sie gemischte Furcht, mich gehen zu lassen, wozu man in einer so eigentümlichen Stellung, wie die meine in der Khille — pardon, Frau Rabbinerin, in der Gemeinde, leicht geneigt ist. Und so kam etwas Fremdes in den Ton unseres Verkehres. Ich beachtete die Form, die sie betonte. Mit liebenswürdigem, aber ein wenig spöttischem Lächeln beobachtete es der Rabbiner, bis er eines Tages, als sie das Zimmer verlassen hatte, in dem wir plaudernd beisammen saßen, losbrach: „Sie is gar nich ä so stolz, wie sie tut, Herr Kreisphysikus, osser möcht' sie Sie kränken oder beleidigen, aber sie hält auf Formen und Distanz, in der Khille und wegen der Kinder zu gesund und zu leben und sie will sogar durchaus für die Nachmittagsstunden ä Französin engagieren, Kleinigkeit, wird das ä Aufregung bei den Balbatim hervorrufen," und nun brach er in ein vergnügtes Gelächter aus, in das ich lustig einstimmte,