Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 298 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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298 MENORAH einigen Jahren schon in eine große Gemeinde berufen, ein berühmter Führer der orthodoxen Richtung wurde, während ich ein ,,alter Goj" blieb. Seine Strenggläubigkeit war getragen von einer reinen, edlen, vornehmen Persönlichkeit in innerster Überzeugung, und von einem köstlichen Humor durchsonnt, der hoch und versöhnlich ihn über die Anfechtungen des Lebens erhob und alles um ihn her mit einer Wärme und Heiterkeit durchdrang, die mich noch jetzt in der Erinnerung mit dem Abglanz frohester Zeiten umstrahlt. Mein Freund war ein kleiner Epikuräer, er hatte wahrhaftig sogar Lieblingsgerichte, zum Beispiel: Würstchen mit RührkartofTeln und Kümmelhörnchen mit Butter und Hecht mit Klößchen und die Schabbes-Butterbarches und ... ja, und was der lukullischen Speisen noch mehr sind, so an den Jomtauwim und am Purim die „Frittel" und der „Fladen" und am Erew Jörn Kippur die „Kreppchen". — Herr Gott, was waren das für Genüsse und über allem die Zigarre, ja, die Zigarre, besonders an „Schabbes zur Nacht". Da fehlte ich niemals und, wenn wir so in dem dicken, blauen Dampf der „guten Groschen"-Zigarre beisammen saßen und debattierten und lachten, da vergaß ich völlig, daß das Schicksal mich in dieses Judennest verschlagen hatte. Als er einmal mir mit der Überzeugungskraft, die ihm eigen war, die Bedeutung und Wichtigkeit der Speisegesetze erklärte, aus dem Talmudischen ins Modern-Wissenschaftliche und besonders Naturwissenschaftliche und mit Ernst und Nachdruck auf die Gesundheitslehre der alten und die Hygiene und Therapie der neuen Zeit einging, da wurde ich so hingerissen von dem Eindruck seiner Persönlichkeit, daß ich aufsprang und ausrief: „Wissen Sie, Rabbi, ich glaube, Sie wären ein ausgezeichneter Arzt geworden!" „Wer kann's wissen?" sagte er, „vielleicht, aber ich fühle mich auch als Raw ganz wohl und auf meinem Platz ..." „Das glaube ich, und wenn ich bedenke, was Sie mir hier geworden, was ich Ihnen zu danken habe, in diesem Orte, wo ich sicherlich mich zur Säule eines kannegießernden Stammtisches mit Früh- und Abendschoppen hätte entwickeln müssen ohne Ihre Anregung . .." „Na, hören Sie mal, Doktor, Sie wollen mich wohl in Verlegenheit setzen," lachte er ein wenig verlegen, „ich, ein einfacher jüdischer Mann." „Für mich sind Sie doppelt und dreifach gesegnet, und wenn ich nicht so ein Atheist wäre, wie die meisten Naturwissenschaftler, Sie könnten mich zum Judentum bekehren, wenn . . „Wenn Sie nicht amtlich verhindert wären", fiel er mir lachend ins Wort und dann mit Ernst und Würde: „Wir machen keine Prose-