Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-05-01 · Heft 5 (Mai 1926) · p. Seite 282

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 5 (Mai 1926)
Article
Mein Vater
Date
1926-05-01
Page
Seite 282 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912859-2917499--03232-2917636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

282 ME NORAH er retten, nicht der Graf oder Millionär, den er heilen wollte. Trotz tausendfältiger Erfahrungen als Meister der Operation hat er sich doch noch in späteren Jahren vor schweren Fällen mit der Pistole eingeschossen, um die Sicherheit der Hand zu prüfen; dann war er präokkupiert, stand vorsichtig vom Tische auf, ließ sich durch keine Nachricht irritieren und sagte mir einmal: „Wenn ich das Messer in der Hand halte und vor mir liegt das Auge, dann kannst du neben mir umfallen, ich würde es nicht sehen." Eine merkwürdige Liebe zu dem Organ, um das sein Leben kreiste, ließ mit der Gewohnheit nicht nach und erstreckte sich sogar auf die Augen von Fischen, die er nicht mitaß. In solchen Augenblicken erschien er mir ganz als Künstler, und er war es auch. Indem er, lange bevor dies Sitte wurde, als Professor wagte, seine Forderungen in Zeitungen und Bildungsvereinen zu begründen, kränkte er die Zunft der Professoren, die, als Nachfolger der Priester, ihre Wissenschaft nicht aus den heiligen Hallen lateinischer Lehrgebäude dringen lassen wollen, und eben deshalb Geheime Räte heißen. Es war unerhört, daß ein Professor in einem Kolleg für alle Fakultäten jeden Nichtmediziner vortreten und das Umdrehen des oberen Augenlides lernen ließ; aber Hunderte haben mit diesem kleinen Kunstgriff später ihren Mitmenschen aus der schmerzlichen Lage geholfen, zu der ein Staubkorn den Reisenden verurteilt. Da er in voller Naivität an eine einzige und unteilbare Wahrheil in der Wissenschaft glaubte, kein Vorurteil kannte und namentlich keine Furcht, verschüttete er sich mit wahrer Leidenschaft die Quellen der Legitimität und griff Behörden und Vorgesetzte ohne Rücksicht an, wenn ihm ihre Methoden veraltet, ihre Personalien dunkel, ihre Praxis unsozial erschien. Daß eine gelehrte Gesellschaft in der berühmten Halle des Breslauer Rathauses zu ihren Sitzungen gastfrei vom Magistrate aufgenommen war, hinderte ihn nicht, einen seiner Vorträge an eben dieser Stelle mit der Bemerkung zu beginnen, er feiere heute das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seiner Kämpfe mit diesem Magistrat. Niemand gelang es, ihn zu zähmen. Da er nie etwas für sich, stets für die Sache forderte, blieb er, durch seinen Weltruf als Operateur von allen Gehaltserwägungen unabhängig, als Kritiker unüberwindlich, hat jeden legitimen Schritt mit einer Arabeske erheitert. Da den Dreiundzwanzigjährigen der Zwang zur lateinischen Sprache in modernen Abhandlungen unsinnig erschien, druckte und verteidigte er beim chemischen Doktorat — er wurde Doktor zweier Fakultäten —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.