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Menorah · 1926-05-01 · Heft 5 (Mai 1926) · p. Seite 283

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 5 (Mai 1926)
Article
Mein Vater
Date
1926-05-01
Page
Seite 283 (sequence 5)
Language
German
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MEIN VATER 283 als erste These den Satz: „Usus linguere latinae in dissertationibus chemisis non est probandus." Und als er, vierzig Jahre später, Geheimrat wurde, geschah auch dies über die Köpfe der ihm grollenden Fakultät hinweg. Als echter Hygieniker war er ein echter Volksmann. Dabei überschlug er sich in seinen Vorschlägen zuweilen: er setzte die standesamtliche Verteilung einer Belehrung über die verheerende und doch verhütbare Augeneiterung der Neugeborenen an jede Person durch, die eine Geburt anmeldete; aber er wollte diese Verteilung schon am liebsten bei der Eheschließung einführen! Die kleinste Verbesserung zur praktischen Hygiene schien ihm wichtiger als eine interessante neue Theorie. Unermüdlich erfand und verbesserte er selber die Utensilien des Augenarztes: Schutzbrillen, Brillenleiter, Lichtprüfer, Schullampen, Sehproben, Farbentafeln, ein Dutzend solcher kleiner wichtiger Dinge ist aus seinem Kopf hervorgegangen, zum Nutzen von vielen tausend Ärzten. In so zweckvollem Leben hatten philosophische Gedanken nicht Platz; der ganze Hochmut des Naturforschers vor dem Philosophen, den dieser mit dem seinigen zu beantworten pflegt, beseelte diesen Arzt und ließ weder für Religion Raum noch für Mystik. Er verehrte die Goethesche Gott-Natur, blieb konfessionslos, gab aber das Judentum nie auf, um nicht Überläufer zu scheinen; so erzog er auch die Kinder und entzog uns nur von Anfang an seinen Namen, weil dieser seine und jede Laufbahn im damals neuen Deutschen Reiche erschwerte; die Dankbarkeit eines hohen Würdenträgers, dem er das Augenlicht gerettet, erfüllte ihm diesen väterlich besorgten Wunsch. Sich selber umzunennen, was ihm angeboten wurde, schien ihm zu spät, sein Name war in seiner Wissenschaft fixiert. Er war ein Orientale, freilich bei gänzlichem Unwissen in Geschäften, von der gelehrten Art und hatte vom Preußen im Grunde nichts als eine Emsigkeit und Exaktheit, die seine ausladende Natur vor Phantastik schützte. Für den reinen Germanen hatte er die so selten erwiderte Anerkennung seiner Rasse, die er zwar keineswegs für das Salz der Erde hielt, aber doch für den Pfeffer Europas. Naturen wie mein Vater, wie auch ich, in so kühler Stellung zur angeborenen Konfession, wie Tausende von christlichen Gelehrten oder Künstlern, konnten erst durch die Empörung zur Betonung ihres Judentums gelangen. Als deutscher Arzt und Forscher hat mein Vater durch Talent und Fleiß dem Lande viel von dem zurückgegeben, was er ihm dankte.

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