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Menorah · 1926-05-01 · Heft 5 (Mai 1926) · p. Seite 281

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 5 (Mai 1926)
Article
Mein Vater
Date
1926-05-01
Page
Seite 281 (sequence 3)
Language
German
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MEIN VATER 281 rat vermutlich geistig gestört; zwanzig Jahre später wurde das Haus aus dem nämlichen Grunde abgerissen. Als er als der Erste Schulärzte forderte, vor über fünfzig Jahren, lehnten alle Behörden den Antrag ab, der „Mißtrauen bei Lehrern und Eltern begegnen" würde; heute gibt es keine Schule in Europa ohne Arzt. Wie sein Lehrer Virchow, der über die Arbeiten seines dreißigjährigen Schülers bedeutsam referierte, war er selbst ein radikaler Demokrat, aus Erfahrung entschiedener Gegner des Krieges, Kritiker des Geschichtsunterrichtes. Ironiker des Generalsruhmes, Gegner antiker Bildung, aber einer der frühesten Vorkämpfer für Realgymnasien und Frauenstudium, und hat unter allen seinen Orden keinen geschätzt als die große Goldene Medaille, die ihm mit wenigen anderen Gelehrten Friedrich der Dritte als Kronprinz auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung selber verliehen. Verehrung und Dankbarkeit waren seine Tugenden. Mit Staunen sah ich als Knabe meinen längst ergrauten Vater mit ungewohnten Huldigungen Männer umgeben, die Träger großer Leistungen waren: Virchow und Häckel, Büchner und Schliemann, Förster und Schweninger, sah ich an unserem Tische geehrt wie Könige. Daß ich mit solcher Verehrung für bedeutende Männer auch nur in ihrem Anblick erzogen wurde, daß ich als halber Knabe schon die Briefe von Helmholtz, Schliemann oder der Cosima Wagner an meinen Vater lesen durfte, trieb mich früh zur Beobachtung großer Männer; so empfing ich entscheidende Eindrücke von Bismarcks Persönlichkeit durch die Erzählungen seines Arztes. Immer wissensdurstig saß mein Vater, ein halbes Jahrhundert, nachdem er Bunsens Schüler gewesen, mit weißem Barte zu Füßen des Breslauer Chemikers, um die Fortschritte dieser seiner ersten Wissenschaft zu verstehen. Und wie er in allem unbestechlich blieb, so war er's auch im sozialen Gefühle. Die Formen des Adels, der ihn als Arzt bevorzugte, schmeichelten seiner eigenen Akkuratesse, aber weder Namen noch Geld hat ihn, inmitten großer Arbeitslast, jemals zu ihrer Bevorzugung vor den armen Leuten verleitet, für die er vierzig Jahre lang eine Poliklinik aus eigenen Mitteln erhielt. Das menschliche Auge war es, das

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