Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Geschichte der Juden in Schlesien
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 259 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912859-2917481--03178-2917613- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
GESCHICHTE DER JUDEN IN SCHLESIEN 259 Die Juden erwiesen sich dankbar; sie stellten ein starkes Kontingent zu den Freiwilligen von 1813 und zu den opferwilligen Spendern, die dem verarmten Staate die Erhebung erleichterten. Nach dem Sturze Napoleons versuchten ihre alten Feinde in Handel und Handwerk von neuem gegen sie mit Gewalt und Boykott vorzugehen; aber trotz der Förderung der jetzt ans Ruder kommenden reaktionären Regierung konnten sie ihnen nichts Ernstliches mehr anhaben. Ihre Gegner waren bald sogar froh darüber, in ihnen Mitkämpfer in den Reihen der neuen, vom Bürgertum getragenen und gegen die Allgewalt der Bureaukratie gerichteten liberalen Bewegung zu finden. Der Wohlstand und die Bildung wuchsen unter den Juden. Sie waren am Aufblühen des oberschlesischen Bergbaues mit als erste beteiligt; sie halfen in den Hungergebirgen Südschlesiens eine Leinwandindustrie schaffen. Im Gegensatz zu den bekannten Fabrikherren des Eulengebirges, die Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber" gezeichnet hat, wurde über sie keine Klage über Ausnützung der Notlage der armen Weber laut. Sie begannen im Gegenteil — lange vor der sozialpolitischen Ära des endenden Jahrhunderts — soziale Hilfswerke und Fürsorgeeinrichtungen, die als vorbildlich galten. Zu der gelehrten Welt stellten sie bald manchen gefeierten Namen. Von den Führern, die das erwachende politische Leben um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Schlesien auf den Kampfplatz rief, waren zwei jüdischer Herkunft: der ideal gesinnte Breslauer (Sohn eines Juden) Heinrich Simon, der den Mut fand, die ersten königlichen Zugeständnisse als ungenügend und schwächlich zu verwerfen und mit dieser Ablehnung in den politischen Kampf einen besonderen Schwung brachte. Ferner der Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, ebenfalls ein Breslauer, dessen Werk, die Organisierung der Arbeitermassen und ihre Loslösung vom Bürgertum, welthistorische Bedeutung besitzt. Eine ganze Anzahl bedeutender Persönlichkeiten, die die schlesische Judenschaft im Staatsleben, in Wissenschaft und Handel aus ihren Reihen hervorgehen sah, hat sich auch auf größerem Arbeitsfelde in Berlin oder in Amerika mit Ehren betätigt. Ihre Zahl ist reicher als die der Söhne anderer Landschaften. Aber der Anteil an den wirtschaftlichen und gelehrten Erfolgen Deutschlands ist nicht das wesentliche, was die Geschichte der schlesischen Juden auszeichnet. Einige Meilen östlich von der Oder lief oder läuft die Grenze zwischen dem europäischen Westen und Osteuropa. Schärfer noch als bei der übrigen deutschen Bevölkerung tritt das bei den schlesischen Juden hervor. Obwohl sie meist an der polnischen Grenze wohnten, im