Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Geschichte der Juden in Schlesien
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
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258 MENORAH Abwehr der Hussiten in Schlesien gegen Ende des Mittelalters erzeugt hatte, suchten sie sie jetzt mit Gewalt oder durch schärfste Einschnürung aus ihren Mauern, ja sogar aus ihren Schlupfwinkeln auf dem platten Lande zu vertreiben. Sie hätten sicher vollen Erfolg gehabt, wenn nicht gerade um die Wende des Mittelalters die deutschen Siedlungen im benachbarten Polen dem polnischen Nationalhaß erlegen wären. Um den polnischen Handel, der für die schlesischen Städte eine Lebensfrage war, nicht einzubüßen, war man froh, in den polnischen Juden, unter denen es viele ehemalige Flüchtlinge aus Schlesien gab, geeignete Vermittler zu finden. Unter dem Schutze der österreichischen Behörden (seit 1526) konnte eine ganze Anzahl wieder nach Schlesien kommen. Es bildeten sich jetzt von neuem viele kleine Kolonien in Glogau, Zülz, Dyhernfurth und auch in Breslau. Sie blühten auf, und ihre Mitglieder konnten auch bald daran denken, auch ihre wissenschaftlichen und religiös-sozialen Bestrebungen wieder aufzunehmen und zu pflegen. Eine hebräische Druckerei entstand in Dyhernfurth und unter ihren Veröffentlichungen ragte eine große Bibliographie über das gesamte jüdische Schrifttum hervor und fand auch außerhalb der jüdischen Gelehrten weit viel Beachtung. Die preußische Besitzergreifung änderte an diesen Zuständen nichts, obwohl Friedrich der Große an den Juden gern seinen Mutwillen ausließ und sie durch harte Maßnahmen, auch durch Ausweisungsandrohungen, nicht selten ängstigte. Seine Beamten, die nicht wie der König in dem zweifelhaften, überseeischen Leinwandexport, sondern in dem polnischen Handel den Lebensnerv des Landes erblickten, waren ihnen viel günstiger gesinnt. Sie gaben ihnen zum Beispiel in Breslau den langersehnten eigenen Friedhof, während sie bisher ihre Toten nach dem entfernten Dyhernfurth hatten bringen müssen. Hatten die Österreichischen Beamten die Juden allein aus merkantilistischen Gründen geschützt und gefördert, so waren ihre preußischen Kollegen durch die hundertjährige Verbindung ihres Herrscherhauses mit den holländischen Oraniern förmlich auf das holländische Beispiel gestoßen worden, wo die größere Bewegungsfreiheit der Juden sie zu sehr nützlichen, geachteten Bewohnern des Landes gemacht hatte. Hiedurch und auch durch die philanthropisch - pädagogischen Gedanken des Zeitalters bewogen, bemühten sie sich, die Juden zu fördern. Das jüdische Schulwesen wurde gepflegt, seine Ausgestaltung nach deutschen Lehrplänen vorgeschrieben. Die Erhebung der Juden zu Staatsbürgern im Jahre 1812 war die Krönung dieser Bestrebungen.