Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Molière in Jerusalem
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 244 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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244 MENORAH GOLDENES TOR schaffen, und diese Typen durch oft groteske Übertreibungen auf ein theatralisches Niveau zu heben, das nichts, aber auch absolut nichts mit dem Leben zu tun hat, viel für sich. Es werden komische Wirkungen unterstrichen, sie werden grotesk, tragische Wirkungen werden verstärkt, erschütternd. Aber es geht mit dieser russischen Kunst genau so wie mit jeder anderen dekadenten. Ihre Wirkung bleibt auf einige wenige Stücke der Weltliteratur beschränkt, die eben jener Verallgemeinerung zugänglich sind, um aus ihnen Puppenspiele machen zu können. Belsazar, das in Palästina 26 mal aufgeführt wurde, ein unerhörter Erfolg, war eines dieser Stücke: jeder, der keine Ahnung von Hebräisch halle, konnte die Vorgänge auf der Bühne verstehen, die letzten Endes nur ein Ballelt mit ein paar begleitenden Worten brachten (eine Art hebräische ,,Mirakel" - Aufführung). Das nächste Drama, „Jaakobs Traum" von Beer- Hofmann, erlitt einen vollständigen Durchfall. Auch hier sind die handelnden Personen Typen im besten Sinne des Wortes — aber „Jaakobs Traum" ist ein Gedankendrama. Es kommt nicht darauf an, was Jaakob tut, — wichtig ist, was er sagt, wichtig ist, daß die dichterische Schönheit seiner Worte nicht unter den Tisch fällt. Und dazu langt offenbar die moderne Kunst nicht: Respekt vor der Schönheit eines Gedankens, vor dem Adel des Wortes zu haben. Gnessin feilt mit ungeheurem Fleiß an der Schönheit der Sprache des Schauspielers — es ist wahr, aber diese Schönheit ist die Korrektheit der Betonung, der Halbvokale und der Doppeikonsonanten, die blank und scharf aus dem Mund der Schauspieler der „Kadimah" springen. Er legt Wert darauf, daß der Tonfall der Rede verborgenste Schönheilen der hebräischen Satzkonstruktion enthülle, an denen bisher selbst die Dichter und Schriftsteller des jungen Volkes achtlos vorbeigegangen sind, weil sie das Hebräisch zwar korrekt schrieben, aber oft geradezu jammervoll sprachen oder aussprachen, und denen das von Jabotinsky gelehrte Hebräisch in Jabolinskys Aussprache eine Offenbarung war. Aber so viel Respekt Gnessin vor der Sprache seines Volkes zeigt, dem er in seinem Thealer ein Instrument für eine neue nationale Dramatik geben will, die noch nicht einmal in ihren ersten Anfängen existiert, so wenig Respekt zeigt er für die Sprache des Dichters, dem er zu dienen hätte. Ich habe mich königlich unterhallen. Die Moliere-Aufführung war lustig, ausgelassen, komisch. Wenn der Apotheker mit der Klistierspritze Argan durch den ganzen Zuschauerraum verfolgte, mußte man wirklich lachen und das Publikum war davon und vom ganzen Stück begeistert, aber — wenn ich mir vorstelle, daß Goethe in diesem Stil aufgeführt werden sollte, läuft es mir kalt über den Rücken. Schon beim ,,Eingebildeten Kranken" versagte die Regie Gnessins bei jenen zwei Rollen, die nicht drastisch-komisch sind: der jugendliche Liebhaber war steif wie ein Stock und langweilig wie ein Lesebuch für Volksschulen. Und die böse Stiefmutter Belinde war farblos und geschmacklos. Und wenn man die Kritik der zeitgenössischen Aufführungen kennt und weiß, was zu Moliercs Zeit ein La Grange als Cleanthe aus dem Gesangsduo mit Angelique gemacht hat, dann wird klar, daß die russische Kunst, die jetzt auch palästinensische Kunst ist, keinen Fortschritt,' sondern einen Rückgang der Schauspielkunst bedeutet, auch wenn das eine oder das andere Drama oder Lustspiel in den stilisierten Kleidern des Puppentheaters zu originellster Wirkung kommt. *