Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Molière in Jerusalem
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 243 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MOLIEKE 243 Moliere in Jerusalem (Palästinensisches Theater) Von Wolfgang Weisl Große blau-weiß gestreifte Plakate kleben an den Anschlagtafeln der heiligen Stadt. „Hacholeh hamedumeh" von Moliere. Ich bleibe stehen: Premiere des „Eingebildeten Kranken" in Jerusalem? Jenes entzückenden Stückes des graziösesten Dichters, das sein Schwanengesang geworden? Pariser Grazie in Jerusalem? Und ich denke mir, Jerusalem müßte ein prächtiger Boden sein, um Moliere- Gestalten zu schaffen — aber ein ungeeigneter Boden, um Moliere in der Sprache der Bibel zu spielen. * Am Abend gehen wir natürlich ins Theater. — Theater ist übertrieben. Sagen wir Kino. Kino ist unexakt, — erste Vorstadt- Lichtspielbühne. Vor dem Eingang drängen sich vielleicht 200 Arbeiter und Arbeiterinnen: der Stock des Publikums. Die Arbeiter sind von Rußland, Polen her ans Thealer gewöhnt — für sie ist das hebräische Theater vor allem eine nationale Angelegenheit. Aber für die anderen, die Kleinbürger und vor allem die in Palästina geborenen Juden, dann für die spaniolischen, afrikanischen, arabischen Juden, ist im eigentlichsten Sinne des Wortes ihr palästinensisches Theater das erste der Welt. Mindestens zeitlich gesprochen. Und für diese ist das Theater noch mehr als die Oper eine Kulturanstalt ganz anderer Bedeutung als irgend eine Bühne in Europa es für ihr Publikum ist. Ihnen bringt das hebräische Theater die fremde Welt. Der Vorhang teilt sich, Toinette — vom Stern der palästinensischen Bühne, Frau Kohen-Bernstein gespielt — huscht heraus, stellt einen altertümlichen Leuchter vor die Bühne und stellt sich dem Publikum in zwitscherndem Hebräisch vor. Der Vorhang geht auf und statt der langweiligen Ekloge zum Ruhm des siegreichen Ludwig XIV., mit dem Moliere sein ausgelassenes Lustspiel einleitet, schreiten gravitätisch hinter einer weißen Wand die Schatten des eingebildeten Kranken Argan, seiner bösen Frau, seiner vetiliebten Tochter, des edlen Geliebten, des lächerlichen Arztes Diaphoirus und seines vertrottelten Sohnes, des würdigen Notars und des Apothekers mit der ellenlangen Klistierspritze vorbei. Und dann, nachdem dem Publikum dadurch ähnlich wie im Film klar gemacht wurde, das ganze sei ja gar nicht wahr und LÖWEN-TOR es sei nur ein Spaß und die Schauspieler müßten sich deshalb nicht so bewegen, wie Menschen im täglichen Leben, sondern sie dürften auf Kothurnen schreiten und so schreien, daß ein gewöhnlicher Mensch nach fünf Minuten heiser wäre, dann verschwindet auch diese Leinwand und Argan sitzt vor seinem Tisch und revidiert mit einer riesigen Feder die Apothekerrechnung in jenem unsterblichen Monolog, der vielleicht die beste Exposition ist, die je ein Dramatiker geschrieben hat, und die in zehn Sätzen den ganzen Mann zeichnet, Hypochonder, ein bißchen geizig, ein bißchen haushälterisch, auffahrend, gutmütig, humorvoll. . . Die Truppe Gnessins, die seit einem Jahre in Palästina arbeitet und ,,das hebräische Theater" des Landes bildet, ist ja auch in Europa bekannt und ihre Belsazar-Aufführungen in Berlin haben so viel Aufmerksamkeit erregt, daß es überflüssig ist, über die Vorzüge und Nachteile jenes eigentümlichen russischen Stiles zu sprechen, den Gnessin in eiserner Konsequenz durchführt. Zweifellos hat ihre Methode, aus Menschen Typen zu