Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Abraham Neuhut
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 238 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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238 MENORAH Frau Neuhut, die man durch einen Boten verständigt hatte, angeordnet hätte, man möge die Leiche ihres Mannes in einem Sarge, den sie sandte, zurückfahren. Als ich nachmittags aus der Schule kam, hatte sich vor der Kirche bereits eine Gruppe halbwüchsiger Jugend versammelt. Ich trat hinzu. An den Flitter und Prunk der heimischen Begräbnisse gewöhnt, sah ich, wie vier Männer einen rohen Tannen - sarg ohne jegliche Blumenzier heraustrugen und in den Schnee stellten. Sechs ungehobelte Bretter — nichts weiter. Darin lag Herr Neuhut, und seine Frau hatte seidene Kleider und bei ihm daheim gab es siebenarmige Leuchter aus Silber? „Was tut ihr hier, Kinder?" fragte der Lehrer der Schule, der des Weges kam. „Jud Neuhut wird fortgeführt", antwortete ein Junge aus der Menge. „Du mußt sagen, der verstorbene Herr Neuhut", verwies die freundliche Stimme, „vor dem Tod und dem lieben Gott sind wir alle gleich." Etwas in mir zuckte zusammen, bäumte sich auf, schrie, krümmte sich, wand sich wie unter einem Peitschenhieb. Gleich? 0 nein, besser, besser, tausendmal besser als die anderenI Jahrelang, solange jeder im Orte sich erinnern konnte, war der alte Mann mit dem gebückten Rücken die Landstraße von Haus zu Haus gegangen, hatte gefeilscht und sich gedemütigt, damit seine Kinder in höhere Schulen kamen und fein wurden und seine Frau seidene Kleider und goldene Ringe trug, und damit er einmal in der Woche hinter verhängten Fenstern ausruhen durfte, während in den siebenarmigen Leuchtern, die er entweder von seinen Vorvätern ererbt oder sich abgedarbt hatte, Lichter brennen durften! Regen, Sonne, Spott, Nichtachtung waren ihm zuteil geworden, bis er im Schneesturm umgekommen war. Besser, tausendmal besser war er als alle, die hier standen und gafften, als der Hüter der Jugend, der so versöhnend von „Gleichheit" sprach. Nur Mutter, meine Mutter, in ihrer stillen Stube hatte ihn zu sich an ihren Tisch gebeten. Mit einemmal wußte ich, warum sie es getan hatte. Der tannene Sarg wurde auf den Leichenwagen des Städtchens gehoben, von dem zum erstenmal, seit er Dienst tat, das Kreuz abgeschraubt war. Er sah so leer aus, dieser Wagen ohne das gewohnte Kreuz, und er fuhr so allein durch den Schnee der Landstraße, ebenso allein wie Abraham Neuhut mit dem schweren Packen auf dem Rücken sie jahraus, jahrein gegangen war. ---Daheim gab es warme Hausschuhe und gebratene Äpfel. Ich erzählte nichts von dem Geschehenen, und in Wahrheit war ja auch nichts zu berichten. Das Schicksal führte mich aus meiner Kindheimat gar seltsame krause Wege. Ich hatte wirklich nicht mehr viel Zeit