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Menorah · 1926-04-01 · Heft 4 (April 1926) · p. Seite 237

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 4 (April 1926)
Article
Abraham Neuhut
Date
1926-04-01
Page
Seite 237 (sequence 2)
Language
German
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ABRAHAM NEUHUT 237 sagte, so oft Abraham Neuhut an unserer Schelle zog, zu den Mädchen: „Führen Sie Herrn Neuhut herein und bringen Sie ihm eine Tasse Kaffee. Zu verkaufen, nein, zu verkaufen haben wir leider nichts, aber bitte, Herr Neuhut, nehmen Sie doch Platz.'* „Warum trinkt Herr Neuhut mit uns Kaffee, Mama, und der Gärtner oder der Schlosser zum Beispiel nie?" fragte das Kind. „Das verstehst du nicht", war die Antwort. Und Herr Neuhut ließ seinen großen Sack im Vorraum, reinigte umständlich seine Schuhe an der Türmatte und trank den Kaffee im Wohnzimmer mit kleinen Schlucken. Seine Sprache stach sonderbar von dem nördlichen Dialekt meiner Heimat und dem Hochdeutsch der Familie ab. Mutter verstand sie. Seine Hände — sie waren gewiß nicht ganz rein — machten dabei so merkwürdige Bewegungen. Mutter beachtete das nicht. „Kommen Sie das nächste Mal wieder, Herr Neuhut", sagte sie zum Abschied. Die Dienstmädchen erzählten den Kindern, daß Herr Neuhut durchaus nicht so arm wäre, wie es den Anschein hätte. Er plagte sich nur so sehr um seine vielen Buben auf dem Gymnasium studieren zu lassen, und damit seine Frau seidene Kleider trüge. Er wohnte drüben in der anderen Stadt, und Freitag abends schloß er sorgfältig die Fensterladen. Niemand wußte, was vor sich ging, wohl aber, daß er zwei hohe siebenarmige silberne Leuchter hatte, die dann brannten. Die siebenarmigen Leuchter hätte ich für mein Leben gern gesehen. Aber ich kam nie in die andere Stadt, denn die Eisenbahn fuhr eine andere Linie und zu Fuß war der Weg für mich zu weit. Herr Neuhut ging ihn Sommer und Winter, Herbst und Frühling, feilschte, trank bei uns Kaffee und zog wieder davon. Man wurde größer, ging in die Schule und sah allmählich, daß Herrn Neuhuts Haltung noch gebückter, sein Gesicht noch faltiger wurde. Man konnte sich kaum erinnern, je mit ihm gesprochen zu haben — man verstand ja seine Sprechweise so schlecht — aber nach und nach empfand man ihm gegenüber das Gefühl einer Zugehörigkeit, das man sich nicht eingestehen wollte und das sich dennoch unabweisbar aufdrängte, sobald man die gekrümmte Gestalt mit dem ungeheuren Packen sah. Und da ereignete sich das Schreckliche: Eines Morgens erfuhr man, daß Herr Neuhut tot auf der Landstraße gefunden und in die Leichenkammer, die an die Kirche stieß, gebracht wurde. Abends vorher hatte ein Schneesturm eingesetzt, der im Winter die Gegend oft heimsuchte. War der alte Mann unter seiner Last zusammengebrochen oder hatte er sich ermüdet an den Wegrand gesetzt und war dabei eingeschlafen? Die Mädchen brachten die Nachricht ins Haus und zugleich auch, daß

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