Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Abraham Neuhut
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 236 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ABRAHAM NEUHUT Von Elna Ried Jedes Kind im Städtchen kannte ihn, wenn er die lange Chaussee geschritten kam, die zwei Orte miteinander verband. Auf dem krummen Rücken trug er einen unförmigen Sack, ein steifer fettiger Hut deckte den kahlen Kopf, sein Mantel war speckig, die vertretenen Schuhe schlurften so gleichmäßig, als wüßten sie jeden Stein der Landstraße, einerlei, ob Schnee, Morast oder Staub sie bedeckte. In der Hand hielt er einen knotigen Stock. In jedes Haus trat er mit derselben Frage: „Alte Kleider oder Hasenfelle zu verkaufen?" Dann begann das Feilschen. Beteuernd und beschwörend hob er die Hände: Nein, mehr konnte er nicht bieten, kein Trödler der Welt zahlte solche Preise, er ruinierte sich und seine Familie, die Zeiten wären so schlecht! Die Mägde kicherten hinter ihm her, dann und wann rief ein Kind: „Jud Neuhut!" Abgewiesen oder unerledigten Kaufes zog er von neuem an der Türschelle. Und wieder ging das Feilschen an, bis der Sack auf seinem Rücken immer mehr anschwoll. Im Grunde war der Handels jud im Städtchen wohl gelitten. Damals gab es dort noch wenige Juden, und sogar der jüdische Hausierer war eine seltene Erscheinung. Vielleicht würde ich ihn in der behüteten Enge meiner Kindheit kaum beachtet haben, hätte mich bei seinem Anblick nicht etwas seltsam Unheimliches und Anziehendes zugleich erfaßt. Er war Jude — bedeutete das soviel wie eine Art Verwandtschaft? Auch wir waren Juden. Allein mein Vater war ein studierter Mann, der feine Kleider trug, sich kerzengerade hielt und vor dem jeder Bürger des Ortes den Hut zog. Jude sein, das hieß doch etwas Auserlesenes, ein gepflegtes Heim besitzen, einen schönen Garten, Spielzeug in Fülle, hübsche Schürzen, die Prinzessin des kleinen Städtchens sein, die ihr Rassenmerkmal trug wie ein Adelszeichen? Das hieß, daß man als fremd zugezogen im Orte, mit der großen Umwelt irgendwie in einer Verbindung stand, die die anderen nicht hatten, Briefe mit auslände seilen Marken, Geschenke bekam, daß in der Familie Namen genannt wurden, die hier keiner kannte, und von denen man sich zwar keinen rechten Begriff machte, nur daß alles zusammen eben etwas Besonderes war, das einen aus der täglichen Umgebung heraus hob. Mutter, die ihr schlichtes Kleid wie eine Königin trug, mit leiser gewählter Stimme sprach, an die Gewohnheiten der Kinder strenge Forderungen stellte, mit keiner Dame des Ortes war, was man „intim" nannte,