Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Vater und Sohn
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 223 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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VATER UND SOHN 223 Marter. Es war die Zeit des phrasenlosen Todes. Naim war ruiniert. Er hatte den zaristischen Armeen Uniformen geliefert. Die Sowjets anerkannten seine Aufträge nicht. Es war schon lange her, daß der Intendant, den Naim bestochen hatte, im Hafen ertränkt worden war. Es war gleichgültig! Naim hoffte, für seine Frau und seinen Sohn noch irgend ein Vermögen erwerben zu können. Ein Ziehharmonikaspieler hatte sich dem Zuge angeschlossen und betäubte ihn mit einer Melodie, die sich mit Mühe als die der „Internationale" erkennen ließ. Naims Sohn, Dawid, hatte sie mit mystischer Begeisterung gesungen. Eine neue Welt öffnete sich seiner Hoffnung. Sie schien ihm schöner als das Bild des wiedererstandenen Zion. Ein großer Morgen der Liebe brach über der Welt an. Alle Brüder, alle edel! Und das verschmolz mit dieser Musik eines Trunkenen, die den Zug zur Tscheka begleitete. An der Straßenecke bemerkte Naim seinen Sohn. Er machte eine heftige Bewegung, nicht um zu entfliehen, sondern aus Schmerz. Er wollte seinem Sohn entgegenstürzen. Er warf seinen Körper nach vorwärts. Ein Fausthieb auf den Nacken brachte ihn wieder zur Vernunft. „Rühr* dich nicht! Rühr' dich nicht! Man wird dich richten!" sagte der Matrose zu Naim, der seine Bewachung übernommen hatte. „Man rettet sich nicht auf diese Art!" In Naims Augen erschienen große Tränen. Sein Sohn hatte ihn schlagen gesehen, sein Sohn trat nicht dazwischen. Die Gewohnheit, zu leiden und ruhig zu sein, diktierte Naim den Gedanken: Dawid denkt an seine Mutter. Aber er brauchte doch die ganze Weisheit Israels, um über den sich aufbäumenden Instinkt zu triumphieren. „Vorwärts! Vorwärts!" drängte Retzki. Handelte es sich denn überhaupt um einen Pogrom? Der Pogrom war ein außer Gebrauch gekommenes, zu kleines Übel. Das war der Ansturm der Dörfer; halbwilde Dörfler rannten herbei, um die Städte zu plündern. Naim lächelte fast. Er hatte keine Töchter! Was seinen Sohn anlangte, da konnte er nichts tun. Es war der einzige Sohn. Starb er, so verschwand die Familie. Es war heroisch von ihm, seinen Vater nicht zu sehen. Dennoch! Der Heldenmut des Sohnes kann für das Vaterherz sehr hart sein. Daß er so herumgestoßen wurde, nahm Naim in Kauf. Alles war verloren, er war ein Schaf in der Herde. Hunde schnappten nach seiner Kniekehle. Er ging taumelnd. „Vorwärts! Vorwärts!" wiederholte Retzki.