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Menorah · 1926-04-01 · Heft 4 (April 1926) · p. Seite 222

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 4 (April 1926)
Article
Vater und Sohn
Date
1926-04-01
Page
Seite 222 (sequence 2)
Language
German
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222 MENORAH volution zu versichern. Und die Kundgebung war größer geworden, wenn nicht an Wert, so doch an Zahl der Teilnehmer. Das machte nichts, Retzki wollte eine Kundgebung gutgeschrieben haben. Etschenko, der Volkskommissär, würde sich freuen, er würde ihn bekanntmachen, ihn in der revolutionären Hierarchie vorrücken lassen; vorrücken, — das hieß, seinen Kopf retten. Retzki war ein armer Hund, der von seinen Kollegen in einem großen Bankhaus wegen seiner Häßlichkeit oft genug verspottet worden war. Er hatte sich ausgiebig gerächt. Er rächte sich immer noch, aber vornehm. Im übrigen war er im Innersten sicher, daß er an der Aufrichtung der Zukunft mitarbeitete. Die Blutstropfen in der Morgenröte störten ihn nicht. Hinter ihm entstand ein Brand. Vera Milow hatte sich, den Revolver in der Hand, auf die Mörder ihres Gatten gestürzt. Levy vom „Bund" war ihr zu Hilfe geeilt. Sie waren beide tot, aber nicht ohne sich gerächt zu haben. Die dezimierten, keuchenden Diebe begannen zu saufen. Verzweifelte Schreie von Mädchen durchbohrten das Geheul der Trunkenen. Das Haus Milows brannte in einem Reigen von Säufern. Retzki führte seinen Zug in militärischem Schritt weiter. Er war in einem Etappendepot Schreiber gewesen. Sie hatten den Hafen auf einer breiten Straße verlassen. Straßenjungen zogen, auf ihren Pfeifen trillernd, dem Zuge voran. Naim ging dem Tode entgegen. Der Tod, das ist nichts. In dem tragischen Karneval trunkener Rächer und Muschiks aber ist er jämmerlich. Auf den Plätzen mischen sich Blut und Wein. Man ist niemals ruhig. Man war niemals in Ruhe. Man kannte jede Einzelheit der Gefahr: bäuerliche Banditen, ukrainische Banditen, zaristische Banditen, Tschekisten gewordene Zuhälter. Odessa sah sie nach und nach oder zusammen daherkommen, um das Judenviertel zu plündern. Aus Judenhaß? Keineswegs! Einfach, weil es da mehr Waren gab, mehr Goldrubel in den Banken und vor allem, weil man gewohnt war, hier den geringsten Widerstand zu finden. Das Schrecklichste war, daß die Hafenarbeit in Odessa die Rohlinge aller Länder versammelte. Türken, Kaukasier, Perser, Muschiks, Rumänen und alle die Mörder und unverbesserlichen Gauner, die im Namen der geheiligten Grundsätze von Gerechtigkeit und Amnestie aus den Gefängnissen entlassen worden waren. Das Leben änderte sich. War es unter dem zaristischen Regime hart gewesen, so wurde es noch härter. Der langsame Tod in Sibirien und die fortgesetzte Beraubung waren in Todesopfer auf dem Richtblock verwandelt worden. Die Kaution war gefallen und die geheime

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